Romano Gritti steht hinter der Theke und blickt auf das schöne Leben. Unter Kronleuchtern sitzen Menschen an weißen Chippendale-Tischen, trinken Rotwein, zerteilen Riesenravioli und führen sie häppchenweise zum Mund. Aus einer Musikanlage dringt gedämpft eine italienische Canzone, ab und zu tänzelt Gritti zu den Tischen hinüber und hobelt Trüffel über die Teller. Er schenkt Wein nach, später wird er Klavier spielen und dazu singen. Romano Gritti tut viel dafür, dass sich die Gäste wohlfühlen in seinem Reich.

Sein Reich, das ist die Loge Del Doge, ein kleines Restaurant in Garmisch-Partenkirchen, das er und seine Frau Uta vor knapp anderthalb Jahren eröffnet haben. Nicht nur das Essen hat Gritti kreiert, sondern das gesamte Mobiliar, Tische, Stühle, Sessel, Gläser, ja sogar die Gemälde an den Wänden tragen seine Signatur. Er hat aus Jahrzehnten beruflicher und privater Erfahrung geschöpft – und sie hier zusammenfließen lassen.

Romano Gritti ist ein Sammler. Einer, der sich nicht mit einem Beruf zufriedengibt. Der es liebt, Neues auszuprobieren. Aufgewachsen in Luxemburg und Italien, ging Gritti nach der Schule nach Marokko, anderthalb Jahre war er dort Musiker in einer Rockband. Er studierte Architektur, Malerei und Design in Paris; Soziologie und Philosophie gab er auf. Wieder in Italien, lernte Gritti das Kochhandwerk im Piemont; auch mit Gualtiero Marchesi, Italiens erstem Drei-Sterne-Koch, stand er am Herd. Er entwarf Gläser, die heute im Museum stehen, betrieb ein eigenes Modelabel, lebte als Hotelarchitekt in Kairo und Kitzbühel. »Aber es hat mir einfach nie gereicht«, sagt Romano Gritti, der Vielgereiste, der neben den Wohnungen in Venedig, Verona und Hongkong eben auch eine in Garmisch-Partenkirchen hat.

Und dann stand dieses Haus in der Ludwigstraße leer. Zwei Etagen, Lüftlmalerei, im ersten Stock eine Terrasse mit Alpenpanorama. Die Mutter starb, sie hatte im Sohn immer den Gastronomen gesehen. »Drei Tage danach war klar: Jetzt mache ich es.« Also wurde Romano Gritti im Alter von 60 Jahren Gastronom. Er fühlt sich in dieser Funktion vielleicht auch deshalb so wohl, weil er viele seiner Fähigkeiten einbringen kann: Das Kreieren des Designers, das Farbenspiel des Malers, das planerische Denken des Architekten.

Ein Gericht ist für ihn nicht einfach ein Essen, es ist eine Komposition, »der Fenchel das Fagott, die Zwiebel das Saxofon«. Gerade schreibt er sein erstes eigenes Kochbuch, in dem er Rezepte aus dem 17. und 18. Jahrhundert neu interpretiert, gut 400 Seiten hat er schon. In seinem Restaurant wechselt die Speisekarte täglich, mal kocht Gritti Wachtelbrust mit Safranpolenta, mal Steinbutt-Saltimbocca. Zahllose Weine hat er auf Lager, nur das Nationalgetränk der Bayern findet sich nicht in der Karte: Gritti, der neben seiner Kochlehre eine Ausbildung zum Master-Sommelier absolviert hat, schätzt es einfach nicht, dieses Bier.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ihn manche Leute im Ort einen »Spinnerten« nennen. Vielleicht auch deshalb, weil es bei ihm weder Schweinshaxe noch Käsespätzle gibt, wie in den meisten Gaststätten. Während in vielen Restaurants vor Ort König Ludwig II. von den Wänden lächelt, ist die Loge eine Galerie für die surreale, farbarme Malerei des Künstlerkochs. Gritti trägt Anzug statt Lederhosen und einen Bart wie Omar Sharif. »Ich bin ein Bling-Bling«, sagt er.

Roger Whittaker und Willy Bogner waren schon da, Vorstandsvorsitzende, Schauspieler. »Aber«, sagt Gritti, »wir haben in dieser Umgebung erheblich zu kämpfen.« Zu teuer, sagen die Leute, zu elitär, so etwas war ja noch nie da. Die Umgebung, das ist der bäuerlichere Ortsteil Partenkirchen, die Ludwigstraße dessen Lebensader. Rosarote, himmelblaue, löwenzahngelbe Fassaden, das Heimatmuseum, ein paar Wirtschaften, eine Drogerie, ein Supermarkt. Die Gegenwelt zu jenen glitzernden Großstadttürmen, die einmal Grittis Lebensraum waren. Wenn man die Bedienung eines nahen Gasthofs auf Romano Gritti anspricht, sagt sie, dass sie mit dieser Sache nichts zu tun haben will. Ein Wirt: »Kein Kommentar.« Weinhändler Gerhard Strunz aber sagt, dass ohne Menschen wie Gritti das Leben ärmer wäre. Barbara Fraundorfer, Inhaberin einer urbayerischen Traditionswirtschaft: »Mei, er ist halt ein Einzelgänger, der die Welt verändern will.«