Es geschieht nur noch selten. Aber von Zeit zu Zeit wandert ein Geldstück in unser Portemonnaie, das aus Urgroßvaters Zeiten stammt. Es ist eine eher kleine Münze, ein 10- oder 20-Rappen-Stück vielleicht, wo unter dem stilisierten Kopf der Freiheitsgöttin ein entrücktes Prägejahr steht. Zum Beispiel 1898.

Man darf sich dann ausmalen, wie Lenin einst mit dieser Münze eine Zeitung kaufte, wie ein Dienstmädchen während der Großen Depression ihre Milchkanne dafür auffüllen ließ, wie das Geldstück in der Brusttasche eines Weltkriegs-Füsiliers vergessen ging – und wie es später wieder weiterzog, im Kalten Krieg, während der Erdölkrise, beim Mauerfall, nach 9/11. Oder jetzt in der Griechenlandkrise.

Und hier liegt das Problem.

Drei Viertel Kupfer, ein Viertel Nickel, hinten Lorbeerkitsch, vorne eine Helvetia, eine Libertas oder ein heroischer Tell: Der Schweizer Franken ist unerschütterlich – bis in die Gestaltung der Münzprägung hinein. Es gibt kein Geld, das über solch einen langen Zeitraum so beständig war. Und daher wiederum erscheint dieser Tage kaum ein Bericht von den Devisenmärkten, in dem der Swissie nicht als "Fluchtwährung", "Krisenwährung" oder safe haven bezeichnet wird – was offenbar schon alles erklärt. Der Franken ist hart, weil er so hart ist.

Innert eines Jahres stieg er zum Dollar nominal um 22 Prozent, zum Pfund um 18 Prozent, zum Yen um 14 Prozent, zum Euro um 10 Prozent. Das Land leidet zunehmend darunter, wir werden in den nächsten Wochen wohl vermehrt von Entlassungen in der Industrie und von leeren Betten in der Hotellerie hören. Denn die Schweiz ist nun noch teurer, als sie sowieso längst war.

Wie kommt das? Während die anderen Industriestaaten unfassbar hohe Schuldenberge anhäufen, meldet das Eidgenössische Finanzdepartement für das vergangene Jahr einen Überschuss. Die von Angela Merkel beschworene Weisheit der schwäbischen Hausfrau ("Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben") ist in der Schweizer Verfassung festgeschrieben – in Form der Schuldenbremse, welche Regierung und Parlament zwingt, mittelfristig ausgeglichene Budgets vorzulegen. Bemerkenswert dabei: Die Politiker halten sich sogar daran. Die soziale Lage stabil, die Inflation nahe null, das Ertragsbilanzplus chronisch hoch: All dies vermittelt gerade jetzt wieder den Eindruck, dass die Schweiz nicht ganz von dieser turbulenten Welt ist. Auf der Liste der Staaten mit den höchsten Fremdwährungsreserven liegt sie zwischen Ölscheichtümern, Rohstoffgiganten und fernöstlichen Exportmächten – mit gut 280 Milliarden Dollar an fremdem Geld schafft es das Land als einziger europäischer Staat unter die Top Ten. Und so bringen die massiven Euro- und Dollar-Käufe, mit denen die Nationalbank zuletzt den Aufwärtstrend der eigenen Währung zu brechen versuchte, vielleicht einige Politiker in Rage; aber von außen betrachtet, tragen die Devisenreserven nur noch mehr zum Bild der Schweiz als Schatzkammer bei.

Dass die Schweizer Währung steigt und steigt, ist ein wiederkehrendes Problem

All dies macht den Franken zur stärksten Marke der Schweiz, ein Geld wie Gold. Während die Welt seit Monaten über den stetig steigenden Wert des Goldes staunt, liegt dessen Wert in Franken heute tiefer als im letzten Sommer. Abgekürzt heißt dies: Die Schweizer Währung kletterte noch steiler, man stürzt sich eifriger auf sie als aufs klassische Krisenmetall. Keiner weiß, wie viel die alten Legenden dazu beisteuern – Bankgeheimnis, Alpentresore, Gnomen oder auch die Tatsache, dass die Franken-Noten zu 94 Prozent mit Gold gedeckt sind. Der Finanzplatz Schweiz verbuchte jedenfalls in den letzten zwei Jahren wieder einen kräftigen Zufluss an net new money , trotz des weltweiten Kampfs gegen Steuerflucht, trotz der Schläge gegen das Bankgeheimnis: Der sichere Schweizer Hafen lockt offenbar weiter. Doch Devisenkurse entstehen in den klimatisierten Büros der Profi-Trader – in einem Biotop also, wo ökonomische und charttechnische Argumente mehr zählen als James-Bond-Mythen. Warum setzt man dort auf den Franken, bis die Kaufkraftparität völlig aus dem Ruder ist? Was ist mit Währungen, die ebenfalls eine Alternative zu US-Dollar oder Euro böten? Was ist mit der norwegischen Krone, was mit dem australischen Dollar?

"Es braucht auch einen wichtigen Finanzplatz." So erklärt Robert U. Vogler die Sonderstellung des Franken. "Eine Währung taugt erst zur Fluchtdevise, wenn sie als Basis eine vertrauenswürdige, relativ bedeutende Finanzindustrie mit vielfältigen Anlagemöglichkeiten bietet." Der ehemalige Chefhistoriker der UBS, bekannt geworden durch sein Standardwerk über das Bankgeheimnis, stieß bei seinen Forschungen auch die Anziehungskraft einer jahrzehntelang geprüften Zuverlässigkeit. "Der Franken ist nicht nur stabil", sagt Vogler, "er ist auch in der Langzeitbetrachtung die härteste Währung der Welt." Dass es ein Land schafft, über Generationen eine tiefe Teuerungsrate hinzulegen, beeindruckt nicht nur Großanleger. "Es ist unheimlich verlockend", sagt Vogler – und er denkt dabei an den kleinen Handwerksmeister aus Baden-Württemberg, der seinen Besitz mit ein paar Franken-Anlagen vor dem Wertzerfall bewahren will; ein Verhalten, das umso verständlicher ist, als die deutsche Währung in den letzten hundert Jahren zweimal bei Null beginnen musste.

Tatsächlich betreibt die Schweiz – via Nationalbank – einen Stabilitätskult wie kaum ein anderes Land. Die US-Notenbank Fed muss die Arbeitslosigkeit genauso ins Visier nehmen wie die Teuerung, in Europa konzentriert sich die Zentralbank zwar offiziell auf die Preisstabilität, doch lässt sie sich inoffiziell vom politischen Druck davon ablenken. Dass der Franken zu teuer wird, ist denn auch ein wiederkehrendes Phänomen der jüngeren Geschichte. Und zu diesem Phäomen gehören auch die heftige Kritik an der Nationalbank oder die Vorschläge, welche die Politiker jetzt wieder aus der Mottenkiste holen. So versuchte der Bund schon in den dreißiger, den fünfziger, den sechziger und den siebziger Jahren, mit Negativzinsen oder Devisenbann-Verordnungen die ausländischen Anleger zu vergraulen – bestenfalls mit kurzfristigem Erfolg.

Am Ende muss die Schweiz ihre Währung wohl als Ausdruck ihrer selbst akzeptieren. Der Franken ist Sinnbild eines Landes, welches niemals Schuldencrashs baut, in dem Mäßigung zur Staatsräson gehört und das es seit über 120 Jahren nicht für nötig hält, seine Geldstücke neu zu gestalten. Er ist die klingende Münze eines langweiligen Landes.