Eigentlich total unnötig, sich mit ihr zu treffen. Man weiß eh schon alles, aus dem Netz. Einfach Coldmirror googeln und ein wenig rumsurfen. Ein ganzes Leben entblättert sich da: Ihre Eltern haben sich nur gestritten, sie mittendrin. Allein fühlte sie sich, wurde deprimiert, depressiv. Es waren die Harry Potter -Bücher, die ihr Halt gaben. Ohne die hätte sie sich vielleicht umgebracht. Mit Videodrehen fing sie an, weil ihr langweilig war, erfand für die Harry Potter -Filme eine ganz neue Geschichte, synchronisierte sie und stellte sie auf YouTube . Das machte sie berühmt. Sie liebt Pepsi, trinkt keinen Alkohol und schläft am liebsten auf dem Bauch. All das steht im Internet. Gibt’s da überhaupt noch was Neues zu erfahren, wenn man sie trifft?

Coldmirror trägt zu schwarzer Hose ein schwarzes T-Shirt mit Star Trek -Data-Gesicht und eine schwarze Jacke. Früher, als sie in der Pubertät war und es ihr schlecht ging, trug sie nur Schwarz. Heute habe sie auch rote und blaue Pullis, sagt sie. Ihr geht es gut. Glücklich und dankbar sei sie, »dass ich das machen kann, was mir Spaß macht, und damit auch noch Geld verdiene«. Weil bei McDonald’s immer jemand ist, der nach einem Autogramm fragt, schlägt sie den Italiener des Überseemuseums vor, direkt am Bremer Hauptbahnhof. Das Licht ist gedämpft, ruhige Musik. Kein Fan kommt in den drei Stunden vorbei. Ein entspannter Nachmittag für Kathrin Fricke, 26, im analogen Leben Studentin der Kunstgeschichte.

Als Selfmadewoman ist sie in den vergangenen Jahren zu einer Internetberühmtheit geworden. Ohne Manager und ohne Businessplan. Ihre Videos: millionenfach geklickt, ihr YouTube-Kanal liegt in der Rangliste der Abos auf Platz vier. Sie hat einen Job beim Radio, eine Fernsehsendung auf Einsfestival, einen Blog, sie macht Video-Logs und twittert den lieben langen Tag. »Ich bin total verzettelt«, sagt sie. »Aber wenn ich einen Plan hätte, dann wären mir all die wunderbaren Sachen nicht passiert.« Über Twitter hat sie eine Anfrage bekommen: Hast du Lust, eine kleine Synchronisation im Disney-Film Cars 2 zu machen? Jetzt imitiert sie ein erschrecktes Flugzeug. Letzte Woche rief das Goethe-Institut aus Tokyo an. Sie hatten Coldmirrors neuste Idee auf YouTube gesehen: Misheard Lyrics . Bei türkischen oder kroatischen Liedern versteht sie sinnlose deutsch-englische Wortfetzen und zeichnet dazu wirre Geschichten von Nashorntaschen und alten Keksen mit Ohrsand. Ob sie das nicht auch mit japanischen Hits machen könne?

Es ist eine neue Generation von Stars, die da mit YouTube-Klicks generiert wird . Kathrin Fricke war eine der ersten Deutschen, bei der die Millionengrenze fiel. Wenn es YouTube nicht gäbe, sagt sie, säße sie vielleicht bei Aldi an der Kasse. Oder, wenn es ein wenig besser gelaufen wäre, unglücklich in einem Museum.

Seit Fricke zur Konfirmation eine Kamera geschenkt bekommen hat, dreht sie Videos. Zuerst auf Kassette, mit ihren Freunden. Star Trek und Scream , mit selbst gebastelter weißer Maske und Ketchup als Blut. Dann mit einer klobigen Digicam. Heute hat sie in ihrer Studentenbude eine HD-Kamera, als Stativ dient eine abgeranzte Kiste, an den Wänden hängen ihre Helden. Ganz viel Science-Fiction und Doug Jones, der amerikanische Schauspieler, auf dessen Autogramm sie stolz ist.

Für ihre Videos mixt Fricke alles aus ihrem Leben mit allem, was ihr aus der Popkultur gerade in den Kram passt. Sie sind durchgeknallt, derb, unkonventionell. Aus Harry Potter und die Kammer des Schreckens macht sie Harry Potter und der geheime Pornokeller . Sie lässt Barack Obama rappen: »Ich hab ’ne First Lady, und die ist derbe hot.« Die Kathrin Fricke in den Internetinterviews aber ist eine zurückhaltende, freundliche und ernsthafte junge Frau. Genauso wie die beim Italiener im Überseemuseum. Sie habe Angst, sagt sie, in ein Paket gesteckt zu werden, auf dem draufsteht: immer lustig.

Mit einer offiziellen YouTube-Partnerschaft könnte sie einige Tausend Euro im Monat verdienen, aber das will sie nicht. Dann müsste sie liefern, auf Knopfdruck witzig sein. So gibt’s wenig Geld, dafür ist sie frei und macht nur das, worauf sie Lust hat. Lust hat sie zum Beispiel auf Frauenfußball-WM. Am Sonntagabend, zur besten Sendezeit, liefen ihre Misheard Lyrics in der Halbzeitpause des Eröffnungsspiels. 14 Millionen schauten dabei zu. Keine Lust hat sie auf Trash-Fernsehen. TV total hatte wegen ihrer Videos angefragt. Aber da würde sie nie hingehen. »Die führen Leute nur vor.«

Nach fünf Jahren YouTube-Erfahrung kann es sich Kathrin Fricke leisten, Nein zu sagen. Sie muss nicht nach Abos für ihren Kanal heischen wie so viele andere. Sie ist zum Star geworden, weil sie Leute zum Lachen bringt. Das ist der Sinn ihres Lebens. Von jungen Fans kriegt sie Mails, denen es genauso schlecht ging wie ihr, die sich wie sie die Pulsadern aufschneiden wollten, dann ihre Geschichte lasen, ihre Videos anklickten und nur noch lachten. Andere schreiben, dass sie unheilbar erkrankt seien, jede Bewegung schmerze, sie sich bei Coldmirror aber trotzdem »den Arsch ablachen«. Dafür lebe sie, sagt Kathrin Fricke. In der digitalen wie in der analogen Welt.

Denn in beiden Sphären ist sie zu Hause. Neben der durchgeknallten YouTube-Berühmtheit Coldmirror gibt es auch die nachdenkliche Kathrin Fricke im Internet, in Interviews, in denen sie über den Tod ihrer Schwester redet. Es gibt keine Doppelexistenz, kein Versteckspiel. Da macht einfach jemand sein Ding, ist nicht durchgestylt und nicht profitsüchtig, will nur eins schaffen: die Fans mit ihren Witzen aus dem Alltag rausreißen. Wenn sie manchmal alte Star Trek -Folgen guckt, sagt Fricke, würde sie am liebsten ihr früheres Ich anrufen und sagen: »Alter, mir geht’s so geil. Ich kann den ganzen Tag Pepsi trinken und Star Trek gucken.« Etwas Schöneres auf Erden kann sie sich nicht vorstellen.