"Den Griechen? Nicht wirklich", sagt Petros Christodoulou. Bei Christodoulou, 52, kommt derzeit ziemlich viel Geld zusammen. Es stammt aus Deutschland, Frankreich, Belgien, Finnland, Italien. 43 Milliarden Euro seit vergangenem Sommer.

Den Umgang mit solchen Summen ist Christodoulou gewohnt. Er war früher Investmentbanker. Er hat bei der Schweizer Großbank Credit Suisse gearbeitet, bei den US-Banken JP Morgan und Goldman Sachs. Dann hat er gekündigt. Er wollte lieber seinem Land dienen.

Christodoulou arbeitet heute für die griechische Regierung und leitet die Finanzagentur PDMA, das Schuldenbüro des Finanzministeriums. Er ist verantwortlich dafür, dass Griechenland seine Verbindlichkeiten begleicht. Dafür braucht er die 43 Milliarden. Er sagt: "Wir sind gezwungen, das Geld gleich weiterzuüberweisen, an die Besitzer unserer Anleihen."

Um diesen Satz zu verstehen, muss man sich für einen Moment aus der griechischen Krise ins italienische Mittelalter begeben. Im 13. Jahrhundert führte Florenz Krieg gegen Venedig, Venedig kämpfte gegen Genua. Die Stadtstaaten mussten Söldner finanzieren, Schwerter und Lanzen bezahlen, aber ihre Kassen waren leer. Also kamen die Regenten, selbst Kaufleute, auf die Idee, sich Geld von den eigenen Bürgern zu leihen. Als Gegenleistung erhielt jeder Gläubiger ein Papier, auf dem stand, wie viel der Staat ihm schuldet, zuzüglich Zinsen. Es war die Erfindung der Staatsanleihe, damals prestanze oder prestiti genannt.

Heute leben Florenz, Venedig und Genua im Frieden miteinander. Staatsanleihen aber gibt es immer noch. Sie haben sich seit damals kaum verändert. Nur heißen sie nicht mehr prestanze oder prestiti, sondern zum Beispiel GR 0124017519.

Diesen Schuldschein hat der griechische Staat am 31. Mai 2001 ausgegeben, 417 Millionen Euro hat er dafür bekommen. Geld, das die Regierung vielleicht dazu benutzte, um Lehrer zu bezahlen oder Straßen zu bauen – und Geld, das Griechenland jetzt, mitten in der Krise, zurückzahlen muss. Denn am 31. Mai 2011 lief die Anleihe aus. Und Petros Christodoulou musste zahlen.

So wie am Tag zuvor und am Tag danach, so wie an fast jedem Tag in diesen Monaten. 285 Milliarden Euro – so hoch hat sich der griechische Staat mithilfe seiner Anleihen verschuldet. Beinahe täglich müssen Zinsen überwiesen, Anleihen beglichen, Gläubiger ausbezahlt werden. Dafür braucht Christodoulou das deutsche, französische oder italienische Geld, das wieder nur geliehen ist. Oft bleiben die Milliarden bloß Stunden oder Tage in seinen Händen, dann überweist Christodoulou das Geld weiter. Nur ein sehr kleiner Teil geht direkt an griechische Bürger, etwa an Beamte, deren ausstehende Gehälter der Staat begleichen muss. Der große Rest der 8,4 Milliarden Euro aus Deutschland, der 43 Milliarden aus der gesamten Euro-Zone, aber fließt weiter: an die Besitzer der Schuldscheine mit den Buchstaben GR am Anfang.

Doch wer sind diese Besitzer? Wer kassiert das deutsche Steuergeld?

Es gibt keine offiziellen Daten dazu. Aber es gibt eine Liste, die in diesen Tagen in deutschen Ministerien kursiert und die auch der ZEIT vorliegt. Die Namen der wichtigsten Gläubiger Griechenlands stehen darauf – daneben die Summen, die der griechische Staat ihnen schuldet. Die Liste gleicht einer Landkarte, auf der sich die Route des Geldes verfolgen lässt.

Ein Gutteil der Milliarden, die Petros Christodoulou von seinem Büro aus losschickt, kommt demnach nur ein paar Kilometer weit. Das Geld bleibt im Großraum Athen. Es fließt nicht zum Lebensmittelladen von Kostas Mpichtas, sondern zu griechischen Banken wie der National Bank of Greece, der Piräus Bank und der EFG-Bank.

In den vergangenen Jahren haben diese Banken ihrem eigenen Staat Geld geliehen. Sie haben griechische Staatsanleihen gekauft, immer wieder. Der griechische Staat ist von diesen Geldhäusern inzwischen so abhängig wie ein kleiner Handwerker von seiner Hausbank.

Wenn ein Handwerker bankrott ist, wünscht er nichts mehr als den Schuldenschnitt, die große Befreiung von allen Verbindlichkeiten. Auch in der Griechenlandkrise ist viel von einem Schuldenschnitt die Rede. Der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou könnte vor die Kameras treten und verkünden: Wir zahlen nichts mehr, wir sind bankrott, es ist vorbei.