Achtzig Montagsdemos gegen das Bahnprojekt S 21 gab es bisher in Stuttgart, und sie war so gut wie immer dabei. Marlies Beitz, Jahrgang 1947, hat auch vergangenen Montag wieder ihr Demo-Dress angelegt: einen Jeansrock mit dem grünen "K 21"-Emblem, ein T-Shirt mit stachliger Kastanie als "schwäbischem Pflasterstein" und einem Button, auf dem "Renitente Rentnerin" steht. Etwa 5000 Mitstreiter sind gekommen. Sie trillern, trampeln und pfeifen wie gehabt . Es waren mal 50000. Aber in die Volksfeststimmung mischt sich Resignation. Am Wochenende war durchgesickert, dass die Bahn den Stresstest wohl bestehen wird. Auch die Volksabstimmung im Herbst wird vermutlich gegen die K-21-Kämpfer, die Kopfbahnhofbefürworter, ausgehen. Keiner sagt es, aber eigentlich wissen es alle. S 21 wird kommen. "Wollt ihr den totalen Bahnhof?", murmelt einer. Galgenhumor. Sie haben verloren.

Marlies Beitz ist wütend, wie die meisten hier – aber ist sie eine Wutbürgerin? Als die Bahn wieder angefangen hatte zu bauen, als bei der 79. Montagsdemo vergangene Woche die Gewalt eskalierte und ein Polizist niedergeschlagen wurde, geriet das Bündnis K 21 moralisch in die Defensive. Stimmte es also doch, suchen hier ein paar Revoluzzergreise ohne Rücksicht auf das Wohl der Stadt und die parlamentarische Demokratie den Nervenkitzel der Barrikade? Sind sie "wohlstandsverwöhnte Rentner aus der Halbhöhenlage", wie Ex-Ministerpräsident Stefan Mappus einmal sagte?

Nun, Halbhöhenlage, das gediegenere Stuttgarter Wohnviertel, trifft es jedenfalls nicht. Marlies Beitz hat sich mit ein paar Gleichgesinnten vor zehn Jahren in der Mahatma-Gandhi-Straße ("der Name ist Programm!") in Bad Cannstatt zu einer Baugemeinschaft zusammengeschlossen. Dort lebt sie mit 17 Nationen, von Äthiopien bis Spanien; drei Generationen und etwa so vielen Gehaltsklassen. Von ihrem Dachgeschoss aus kann man im Winter bis zum einstigen RAF-Gefängnis von Stammheim sehen. Das Porsche-Museum, die amerikanischen Kasernen, das Nato-Eucom-Hauptquartier und das einzige Windrad der Stadt auf dem Berg "Grüner Heinrich" – das ist die politische Geografie ihres Balkon-Panoramas. Sie lebt in einem Singlehaushalt, mit Topfpflanzen, einem Stein, auf dem "Träume" steht, und Fotos von Tochter und Enkel, die weit weg in Hamburg wohnen.

Wie kommt es, dass ein Bahnhof einen solchen Platz in ihrem Leben einnimmt?

Marlies Beitz ist an Bahngleisen aufgewachsen, etwas außerhalb von Stuttgart in Backnang; es gehörte zu den Mutproben der Kindheit, über die Schienen zu rennen, kurz bevor der Zug kam. Ihr Vater hatte sich hochgearbeitet bis in die Personalverwaltung der Bahn. Das Gebäude, in dem sein Büro lag, steht noch heute – unter Denkmalschutz. Bei jeder Montagsdemo kommt sie daran vorbei. Irgendwie, erzählt sie, hingen alle einschneidenden Ereignisse ihres Lebens mit der Bahn zusammen. Als Kind habe sie jahrelang ihre Eltern angefleht, sie doch endlich einmal allein zu den Verwandten in Thüringen reisen zu lassen. Am 13.August 1961 hockte sie dann in einem Zug, der aus allen Nähten platzte, voll mit panischen Erwachsenen. Niemand im Osten sprach das Wort "Mauerbau" aus. Aber dass etwas Katastrophales passiert war, ahnte auch das Mädchen.

Politik und Geheimniskrämerei – das war seitdem eins für sie. Beim Studium in Tübingen 1967/68 ging man freitagabends immer zu den Vorlesungen von Walter Jens. Sie wurde Jungsozialistin. Der Höhepunkt ihres jungen Aktivistinnenlebens war ein Essen mit dem Außenminister Willy Brandt. Er schien ihr strahlend, glücklich, mit einem herrlichen Lachen. "Aber wenn Leute ein Amt haben", da ist sie sich noch heute sicher, "dann verändern sie sich." Der "veränderte" Willy Brandt, das war für Beitz gewissermaßen Helmut Schmidt. Die Nato-Nachrüstung war das Ende ihrer sozialdemokratischen Verbundenheit. Vietnamkrieg, U-Boote für Südafrika, Atomkraftwerke in Deutschland und jetzt das Eintreten der SPD für den Bahnhof – das sind die Fixpunkte, aus denen sich für sie ein giftiges Netz gesponnen hat, ein gefährliches "System".