Eine bis in die Morgenstunden dauernde Nachtsitzung hatte dem deutschen Kanzler zugesetzt. Es galt, in einer hitzigen Bundestagsdebatte für einen europapolitischen Meilenstein in der dritten Lesung eine Mehrheit zu sichern. Eine lange und heftige Auseinandersetzung lag hinter dem deutschen Regierungschef. Gegen den anfänglichen Widerstand des eigenen Wirtschaftsministers mit seinen wettbewerbspolitischen Bedenken und gegen eine Opposition, die den vermeintlichen Ausverkauf deutscher Souveränität brandmarkte, gelang es Konrad Adenauer nach einer leidenschaftlichen Aussprache im Plenum am 11. Januar 1952, den Bundestag für die Annahme des Schuman-Plans und die damit verbundene Schaffung der Montanunion zu bewegen.

Energie und ihre industrielle Verwendung waren damals die Geburtshelfer der Europäischen Union. Und wenn heute diese Union mit ihrer Gemeinschaftswährung 60 Jahre nach Vorlage des Schuman-Plans in ihrer schlimmsten Krise steckt, dann stellt die Energie vielleicht erneut den Schlüssel für eine Lösung dar.

Der Plan des französischen Außenministers wurde im Mai 1950 in Deutschland und in anderen Ländern als Sensation empfunden, da er die Vergemeinschaftung nationaler Kernkompetenzen – lothringisches Erz und rheinländische Steinkohle – vorschlug. Aus der dafür vorgesehenen Hohen Behörde entwickelte sich die Architektur des vereinigten Europas. Die französische Politik wuchs damals über sich hinaus, und es würde Deutschland gut zu Gesichte stehen, wenn es anno 2011 politisch über sich hinauswüchse. Wenn es seine neue Energiepolitik zum Wohle Europas und zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes wie Griechenland europäisierte und mit den Partnerstaaten und der Kommission harmonisierte.

Wer sich verantwortungsvoll auf den Weg zu den erneuerbaren Energien machen will, kommt an einer Erkenntnis nicht vorbei: Der Mittelmeerraum ist für den Bereich der solaren Energiegewinnung, was der von Atlantikwinden begünstigte Nordwesten Europas für die Windenergie ist. Warum also nicht die Vision eines solarenergetischen Mittelmeerraumes mit zukunftsweisenden solarthermischen Kraftwerken und Netzen entwickeln, dafür die ingenieurwissenschaftlichen Kompetenzen der deutschen Industrie bündeln, mit einem auf zwei Dekaden angelegten Entwicklungsplan verknüpfen, der sich aus privaten und öffentlichen Investitionen speist, und damit zugleich einem Land wie Griechenland eine volkswirtschaftliche Perspektive bieten? Eine Perspektive zumal, die es bei Investoren gleichermaßen glaubwürdig und kreditwürdig machen könnte. Eine Perspektive auch, die das notwendige Konzept der "Privatsektorinvolvierung" erweitert. Finanzielle Gläubiger tragen ein Stück der Vergangenheitslast ab, und Industrieinvestoren bauen ein Stück der Zukunft.

Mittels einer solchen Strategie entlang den natürlichen wirtschaftsgeografischen Gegebenheiten unseres Kontinents könnten Nord und Süd sich wirtschaftlich nicht nur wieder einander annähern, Europa könnte auf diese Weise auch der sich ausbreitenden ökonomischen Hoffnungslosigkeit in der Jugend des Südens begegnen.

Kann eine solch kühne Idee Wirklichkeit werden? Sie kann, aber dazu muss man Senecas Weisheit bemühen: "Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer." Angenommen, die deutsche und die europäische Politik fassen wieder Vertrauen in die Schaffens- und Investitionskraft der Industrie. Angenommen, sie reregulieren die Finanzmärkte hin zu Ersparnisbildung und Wachstumsfinanzierung und weg von der Obsession mit Eigenhandel. Dann kann es gelingen.