Es ist sieben Uhr in Tel Aviv, früher Morgen, das Auto ist betankt, das Haus unter der riesigen Palme abgeschlossen, die Alarmanlage angestellt. Wasserflasche? Okay! Der alte Mann klemmt sich hinters Steuer, neben ihm streicht seine Frau ihre grauen Wuschel zurecht, und: los!

Man muss nur sehen, wie dieser Mann, schlohweiß Schopf und Bart, Auto fährt, und man weiß alles über den 81-jährigen Fotografen Micha Bar-Am . Diese Energie. Das Unaufhaltsame. Der Wille, alles zu geben, auch Spaß zu haben, dabei zu sein. Erst vorgestern Nacht sind die beiden Alten mit ihrem Gast durch das Nightlife von Tel Aviv gebraust, vorbei an funkelnden Straßencafés, und gestern Abend in den Hafen von Jaffa, wo sich die Kunstszene bei Sonnenuntergang trifft. Und heute früh nun in den Norden, zum See Genezareth. Dort zeigt das Open Museum for Photography im Industriepark Tel Hai in diesem Sommer seine Bilder. Es werden vier Autobusse erwartet, deutschstämmige Juden, die Jeckes , kommen. Micha und Orna, der Künstler und seine Frau, werden zu den Gästen sprechen.

Micha Bar-Am, der vor über einem halben Jahrhundert mit dem Fotografieren begann, ist en vogue. Die Zeitung Ha’aretz hat ihm gerade eine Seite gewidmet, nächste Woche sind seine Bilder einer geteilten Stadt in Jerusalem zu sehen, auch in seinem Geburtsland Deutschland wurden sie gezeigt, zuletzt in Berlin , eine große Werkschau, kuratiert von der Kulturwissenschaftlerin Alexandra Nocke.

Der Fotoreporter der berühmten amerikanischen Agentur Magnum ist zu einem Chronisten der israelischen Geschichte geworden. Seine Fotos sind Inbilder: gezackte Schützengräben, die das Land tief aufreißen, Negev-Wüste 1956. David Ben Gurion, der erste Premier, auf einer Straße in den Abend gehend, Kibbuz Sde Boker 1966. Kinder, die sich unter einen Busunterstand drängen – es wirkt, als seien sie in einem sonnendurchglühten Nichts ausgesetzt. Zerlumpte Soldaten, in den Staub geworfen, die Hände auf den Rücken gefesselt. West-Bank. Gaza. Libanon. Golan.

"Die Kriege sind im israelischen Kalender erfasst wie indianische Skalpe an einem abgewetzten Gürtel", schreibt die Schriftstellerin Nava Semel in dem eben erschienenen Band Insight , der die schönsten Bilder Bar-Ams versammelt. Sie sind Ikonen, in denen sich die Geschichte des Landes verdichtet, ja Micha Bar-Am ist selbst so etwas wie eine Ikone, gestern Abend in Jaffa jedenfalls wehten ihm Hände entgegen, Schalom, Micha, Schalom! Wer das war? Eine Dichterin! Meine Nachbarin! Und der? Jitzhak Navon, sagte Bar-Am fröhlich, der fünfte Staatspräsident Israels.

Micha Bar-Am, geboren 1930 in Berlin, kam 1936 nach Israel. Michael Aguli hieß der Junge da noch, sein Vater ist ein Sohn russischer Flüchtlinge aus dem zaristischen Russland. Unsere Fahrt nach Tel Hai streift durch Landschaften von Bar-Ams Leben. Linker Hand das Meer, über das die Familie anreiste, rechter Hand mäandert die Betonwand, man erhascht Blicke auf karge Hügel und Dörfer, dies ist die West-Bank, "die Wunde, die wir sind, Juden und Araber, die schon 150 Jahre bluten", schreibt Nava Semel. Ein Foto von Bar-Am aus dem Jahr 1969 zeigt eine nackte Hand, die eine Mine freilegt. Dann, 1979, Wäscheleinen, an denen neben Socken und Kippas israelische Fahnen zappeln. Vor uns, zur Linken, liegt Haifa, wo die Familie ausgeschifft wurde und wo der Papa eine Eisfabrik gründete und verlor. Im Hafen von Haifa wird Micha malochen, der sich, zum Ärger der Eltern, mit 13 Jahren in Bar-Am unbenannt hatte, Bar wie "wild" und Am wie "Volk".