Yvon Chouinard ist nicht zum Klettern hier, aber er kann es nicht lassen. Kaum ist die 30 Meter hohe Übungswand frei, hat er mit links nach einem Vorsprung gegriffen, der rechte Fuß findet Halt, rechte Hand, linker Fuß, ruck, zuck klebt er in vier Metern Höhe. Ungesichert, ohne Seil. Heil und grinsend kommt er gleich wieder herunter.

"Du wirst steif, wenn du alt wirst", sagt er. Er ist jetzt 73. "Aber es geht noch. Yoga hilft. Und dann habe ich natürlich immer noch diese Arme." Demonstrativ breitet der kleine Mann die oberen Extremitäten aus, die offensichtlich länger sind als die Beine.

Seine körperliche Ausstattung ist dem Sportfreak Zeit seines Lebens zustattengekommen. Chouinard ist geklettert und getaucht, gewandert und gesurft, Kajak und Ski gefahren. Nebenbei hat er das Unternehmen Patagonia aufgebaut, das wie wenige andere auf der Welt ökologische Ausrichtung und wirtschaftlichen Erfolg miteinander vereinbart und das Chouinard in den USA zum Guru alternativen Managements hat werden lassen.

Der gebürtige Frankokanadier, der sein Geschäft von der Zentrale im sonnigen kalifornischen Ventura aus leitet, wenn er dort ausnahmsweise einmal anzutreffen ist, hat seine eigenen Ansichten über das Business und die Welt. Die hat er vor sechs Jahren schon in seiner Biografie aufgeschrieben. Weil das Buch gerade in die elfte Sprache übersetzt worden ist, ins Polnische, ist Chouinard in Warschau auf Werbetour. Aber nicht, dass es darum ginge, nun auch den polnischen Markt für Patagonia zu erschließen. Einer seiner Manager sagt: "Wir wollen das nicht. Unsere Produkte sind viel zu teuer für die Verbraucher hier, die ihren Nachholbedarf an Konsum erst einmal mit billigeren Produkten stillen." Nein, Chouinard ist in Warschau, weil die Stadt auf der Strecke nach Russland liegt, wohin er zum Fliegenfischen reist.

Da er nun aber schon einmal hier ist, nutzt er den einen Tag, den Polen seine Botschaft nahezubringen. Morgens hat er polnische Kinder besucht, die sich in einer Turnhalle nahe der Innenstadt im Freeclimbing üben. Nachmittags gibt er acht Interviews. Abends stellt er sich im Audimax der Universität den Fragen der Studenten vom akademischen Bergsport-Klub.

Alles begann mit Kletterhaken

Wer seine Biografie gelesen und ihn den Tag über begleitet hat, ist gründlich mit seinen routiniert und gelegentlich repetitiv dargebotenen Anekdoten vertraut. Unternehmer hat Yvon Chouinard nach eigenem Bekunden nicht nur nie werden wollen, er verachtet den Beruf des Entrepreneurs geradezu: "Dieses Wort auszusprechen fällt mir so schwer, wie einzugestehen, dass man Alkoholiker oder Rechtsanwalt ist." Sein Vater war Handwerker, der seiner Gesundheit wegen 1946 nach Kalifornien zog. Der junge Yvon ging im San Fernando Valley und in den Wänden des Yosemite National Park klettern. Weil ihm die Kletterhaken, die aus Europa importiert wurden, nicht genügten, begann er, selbst bessere zu schmieden. Mit den Jahren wurde ein Geschäft daraus, das Chouinard zum größten Alpinismusausrüster der Vereinigten Staaten machte. Um den Bergsportbedarf herum wuchs das Outdoor-Unternehmen Patagonia, das vor allem Bekleidung, Rucksäcke und Surfboards herstellte.

Wer bei Patagonia arbeitet, soll wie der Chef Freizeitfreak sein. Im Hauptquartier in Ventura gehört es zur Betriebskultur, dass man in der Mittagspause mal eben vierzig Kilometer auf dem Mountainbike macht. Wenn die Wellen vor Malibu gut sind, bekommt der Begriff Board-Meeting seine eigene Bedeutung, weil man dann der Aufforderung des Chefs Folge leistet: "Geht surfen!" Flextime-Regeln und Urlaubsusancen, die für amerikanische Unternehmen atemberaubend sind, geben den Patagoniern die Möglichkeit, Freizeit, Familienleben und Job in Einklang zu bringen. Und aus der Übung der Firmengründungszeit, die Babys mit ins Büro zu nehmen, ist eine Betriebs-Kita mit Rundumbetreuung geworden.