In der U-Bahn vom Flughafen in Richtung Syntagma-Platz: Viel bequemer lässt sich ein Krisengebiet nicht anfahren. Da telefonieren Geschäftsleute, da wühlt ein Tourist in seinem Rucksack. Sieht so, so böse harmlos, der Höhepunkt der Krise aus?

Vor gut einem Jahr, im Mai 2010, hatte der Reporter Erkundigungen unter Athens Kulturschaffenden angestellt – mittlerweile ist von der europäischen Krisenhauptstadt, zumindest in deutschen Zeitungen, nur noch als "Stadt am Abgrund" die Rede. Fragen, die der Reporter im zweiten Jahr der Krise an die Künstler Athens stellen möchte, lauten: Wie geht’s? Tut die Krise sehr weh, oder hat sie auch ihre guten Seiten? Was sieht der Mensch, der in den Abgrund blickt? Ist euch in den vergangenen Wochen eine bessere Staatsform eingefallen als die Demokratie, die ihr vor 3.000 Jahren so glorreich erfunden habt?

Wiedersehen mit Professor Dimitrios Pandermalis, Direktor des Akropolis-Museums . Kein Mensch denkt an Staatspleite, wenn er das weite und lichte Gebäude am Fuße der Akropolis betritt. Vor ein paar Wochen haben sie hier mit einem Open-Air-Konzert (Beethovens 5. Symphonie) die Eröffnung des Museums vor zwei Jahren gefeiert. Komisch, es rührt einen, den Professor wiederzusehen. Der Mann, der sich als Visionär und Verwalter einen Namen gemacht hat, er sitzt da vor einem Teller mit Kirschen und Marmorkuchen, klein, schmal, eine vornehme Erscheinung. Oben am Parthenon bauen Kräne Teile des Metopenreliefs ab. Nicht das Museum, die Akropolis selber tauge als Monument gegen die Krise: Zahlreiche Zerstörungswellen habe der Tempel überlebt, die des frühen Christentums, das Bombardement der Venezianer, die Abtragungen des Lord Elgin. Der Professor: "Es gibt keine logische Entwicklung vom Guten zum Besseren und vom Besseren zum Besten. Stattdessen gibt es Überraschungen und Veränderungen." Überraschungen und Veränderungen! Energische Ansage, mit Blick zu den Höhen der Akropolis: "Man muss sich abwenden vom Abgrund. Wer in den Abgrund guckt, der wird hinabgezogen." In Zukunft werde der Professor auf 35 Prozent seiner Pension verzichten.

Was sieht der Athen-Besucher, der nicht gezielt Ausschau hält nach der Krise? Athen : immer noch das hässlichste Kaff unter Europas Hauptstädten. Das durchschnittliche Wohnhaus sieht wie eine Parkgarage aus. Krise, so versteht der Besucher, ist, wenn Ladenlokale leer stehen. Den Leerstand erkennt man daran, dass die Schaufenster mit Plakaten beklebt sind. Das zweite Krisenindiz: heruntergelassene Eisenrollläden. Aus der Fassade der Marfin-Bank gucken, als seien die drei Angestellten nicht vor einem Jahr, sondern gestern gestorben, die verkohlten Fenster hervor. Da kommt dem Besucher ein irrer Einfall: Nicht Bulgari, Dior und Prada müssen vor Demonstranten beschützt werden, es verhält sich genau umgekehrt – wir Athen-Besucher brauchen Schutz vor den Luxuslabels, die die Innenstädte auf der ganzen Welt besetzt halten.

Treffen mit Konstantinos, dem sympathischen Lockenkopf vom Kulturraum 6 Dogs. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Baby Guru" ("die hipste Electro-Band in Athen"), sein Rennrad sieht nach 1.000 Euro aus. Im Sommer letzten Jahres hat er den Garten im Hof eröffnet – die Nummer, mit der der Eventmanager sein Lokal als Theater, Galerie und Konzertraum verkauft, obwohl hier in der Hauptsache schöne Drinks von schönen Menschen getrunken werden, funktioniert weiter prächtig. Wie geht’s den jungen Griechen, um die sich ganz Europa derzeit Sorgen macht? Der Barmann: "Früher hat kein Mensch gearbeitet, bevor er 30 war. Heute wollen die Leute arbeiten und finden keinen Job." Das erste Zeichen der Krise sei, dass die Leute weniger ausgingen, das zweite Zeichen: "Ein Bier muss bei vielen jungen Athenern derzeit einen ganzen Abend lang reichen."