Ernest Miller Hemingway, wie er mit vollem Namen hieß, war der berühmteste Schriftsteller seiner Zeit, und er wurde, nachdem er 1954 den Nobelpreis erhalten hatte, zum ersten Schriftsteller-Star des damals beginnenden Medienzeitalters. Jede seiner Sauftouren und Liebesaffären (er war viermal verheiratet) wurde von Fotografen und Reportern verfolgt, seine Romane waren Bestseller, um seine Erzählungen und Kriegsberichte rissen sich die berühmtesten Zeitschriften. Die Fotos auf dieser Seite zeigen, wie gerne er das Prominentenspiel mitspielte, wie er die Pose des starken Mannes liebte, des Großwildjägers in Afrika oder des Großfischanglers in Kuba. Aber im Grunde seines Herzens war er ein empfindsamer, einsamer Mann, und je mehr sein Ruhm wuchs, umso mehr wuchs sein Unglück. Er litt an Depressionen, er trank zu viel, und die Kunst der schmucklos lakonischen Prosa, mit der er sich in die Weltliteratur eingeschrieben hatte, gelang ihm immer seltener. Vor 50 Jahren, am Morgen des 2. Juli 1961, richtete er das Gewehr gegen sich selbst und schoss sich die Schädeldecke weg. Da war er knapp 62 Jahre alt.

Er hatte in diesem kurzen Leben mehr riskiert und mehr erfahren als die meisten seiner Zeitgenossen. Aufgewachsen in einem Nest unweit Chicagos, meldete er sich, kaum 19 Jahre alt, als Freiwilliger an die italienische Front, wurde verwundet und verliebte sich im Lazarett in eine Krankenschwester. Daraus hat er einen seiner schönsten Romane gemacht: In einem andern Land (1929). Nur für kurze Zeit kehrte er in die Heimat zurück. Schon 1921 ging er als Korrespondent des Toronto Star nach Frankreich, reiste in die Schweiz, nach Italien, in die Türkei. Später berichtete er vom spanischen Bürgerkrieg, spendete den Republikanern 40000 Dollar für Arzneimittel und schrieb den Roman Wem die Stunde schlägt. Er war übrigens auch mal kurz in Deutschland, im Schwarzwald, aber die bürokratischen Umstände, einen Angelschein zu kriegen, ließen ihn rasch die Flucht ergreifen.

Im Rückblick scheint es fast, als wäre er immerzu auf der Flucht gewesen. Nirgends hielt er es lange aus, selbst im heiß geliebten Afrika nicht, das den Hintergrund zweier seiner besten Erzählungen bildet: Das kurze glückliche Leben von Francis Macomber und Schnee auf dem Kilimandscharo (1936). Afrika brachte ihm kein Glück, zweimal stürzte er dort mit dem Flugzeug ab. Aber auch in Kuba, wo er lange lebte, fand er keine Ruhe. Ständig suchte er die Herausforderung, das Abenteuer, und wenn es nur darin bestand, den größten Fisch zu fangen. Eine seiner berühmtesten Erzählungen jedoch, vom Fischfang in Kuba inspiriert (Der alte Mann und das Meer), handelt nicht vom Sieg, sondern von der Würde des Unterliegens und von der Bereitschaft zum Tod. Am Ende seines Kampfes mit dem Fisch denkt der alte Mann: "Es ist einfach, wenn man geschlagen ist. Ich wusste nie, wie einfach es ist."

Es ist merkwürdig: Anders als die meisten Bilder von Hemingway nahelegen, hat er sich in seinem grandiosen Werk nicht mit den starken Männern beschäftigt, sondern mit den schwachen und den scheiternden. Vielleicht liegt es daran, dass er dem Tod früh, allzu früh begegnet ist. In seinem Buch Tod am Nachmittag (1932), vordergründig ein Essay über den Stierkampf, eigentlich aber Hemingways Philosophie und Poetik, gibt es das beunruhigende Kapitel Eine Naturgeschichte der Toten. Darin erzählt er Kriegserlebnisse, etwa davon, wie sie einmal (eine Munitionsfabrik war in die Luft geflogen) Leichenteile von den Ruinen klauben mussten. In der absolut nüchternen, grauenerregenden Schilderung findet sich der Satz: "Die meisten Menschen sterben wie Tiere und nicht wie Menschen." Die alte Dame, mit der Hemingway fiktive Streitgespräche führt, bemerkt an einer Stelle, das seien aber traurige Geschichten, und der Autor entgegnet: "Madame, alle Geschichten enden, wenn man sie weit genug verfolgt, mit dem Tod, und der ist kein echter Geschichtenerzähler, der Ihnen das vorenthält." Man darf also diesen Fotos nicht allzu sehr trauen, man sollte den Geschichten, die dahinter stehen, weit genug folgen.