DIE ZEIT: In der Broschüre zu Charlotte Roches neuem Roman kündigten Sie die Erstauflage mit der Zahl 500.000 an. Das dürfte Rekord sein im deutschen Buchgeschäft.

Marcel Hartges: Ist es nicht. Ich weiß, dass die Erstauflagen von Harry Potter oder Stephenie Meyer ...

ZEIT: ...ich meinte, von deutschsprachigen Autoren.

Hartges: Dann vielleicht ja. Limit von Frank Schätzing könnte eine ähnliche Größenordnung gehabt haben. Wie dem auch sei, die Angaben in den Verlagsprospekten sind Schätzungen, Richtwerte für den Markt. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Prospekte gedruckt werden, liegen die Bestellzahlen des Buchhandels ja noch nicht vor. Es kann also durchaus sein, dass die Startauflage je nach Bestellverhalten der Buchhändler nachjustiert werden muss.

ZEIT: Es könnten also real auch weniger sein?

Hartges: Mein früherer Verlag, DuMont, hat 1,7 Millionen Exemplare der Feuchtgebiete verkauft. Gemessen daran, ist eine halbe Million als Startauflage für das neue Buch sicher nicht unrealistisch.

ZEIT: Viele kauften die Feuchtgebiete aus purer Neugier, lasen das Buch aber gar nicht zu Ende, weil sie es zu ekelerregend fanden oder gängige Pornografie vermissten. Die werden am 9. August nicht in die Buchhandlungen rennen. Dämpft das nicht Ihren Optimismus auf einen zweiten Roche-Megaseller?

Hartges: Das Buch hat extrem polarisiert, das stimmt. Und es gab sicher Leser oder Leserinnen, deren Lektüreerwartungen enttäuscht wurden. Dabei konnte angesichts der medialen Präsenz der Feuchtgebiete eigentlich jeder wissen, was drinsteht, und dass es sich nur, sagen wir, sehr bedingt zur erotischen Stimulation eignet. Was mir auffiel: In bürgerlichen Milieus schlug das Buch ein wie eine Bombe, von jüngeren Lesern wurde es viel entspannter gelesen, es wurden auch die komischen Aspekte des Romans wahrgenommen.

ZEIT: Der Erfolg eines solchen Megasellers scheint nicht nur viele Fans zu benötigen, sondern auch ein paar namhafte Feinde. Das Massenpublikum widersetzt sich gern den Verdikten des kulturellen Establishments, was man bei Sarrazin sah.

Hartges: Erstens widersprechen dieser These die Megaerfolge von Daniel Kehlmann oder Hape Kerkeling, die nicht den geringsten gesellschaftlichen Dissens auslösten. Zweitens finde ich den Versuch, den Erfolg von Charlotte Roche in den Kontext von Thilo Sarrazin zu stellen, absurd. Sarrazin hat gezielt die Ressentiments der sogenannten schweigenden Mehrheit bedient, sich auf ziemlich unappetitliche Weise angebiedert beim bürgerlichen und kleinbürgerlichen Publikum, Charlotte Roche hingegen hat diese gesellschaftlichen Schichten auf eine sehr radikale Weise provoziert.