DIE ZEIT: Können Sie ein Beispiel für die kommunikativen Defizite geben, die Sie beklagen?

Wulff: Ich empfinde es als positiv, dass die Grünen einen Parteitag zur Frage der Energiewende abgehalten und dort um ihre Position gerungen und darüber abgestimmt haben. Es hätte auch denen gut angestanden, zu einer solchen fundamentalen Richtungsveränderung der deutschen Politik einen Parteitag einzuberufen, die diese Veränderung jetzt vollziehen und noch vor Monaten eine andere Entscheidung – auf einem Parteitag – getroffen haben. Dann hätten sie wenigstens versucht, die eigenen Anhänger mitzunehmen, die Entscheidung durch die Debatte nachvollziehbar zu machen und noch verschiedene Gesichtspunkte aufzunehmen. Am Ende braucht jeder auch seine Unterstützer, gerade auch bei der Umsetzung. Denn die Energiewende muss jetzt glücken. Uns Deutschen muss dieses anspruchsvolle Projekt gelingen.

DIE ZEIT: Wenn besser kommuniziert werden würde, würden die Bürger dann auch die weitreichenden Entscheidungen der Griechenland-Hilfe besser verstehen und akzeptieren?

Wulff: Etwas Grundsätzliches ist aus den Fugen geraten. Es gibt das Gefühl, dass es nicht fair zugeht. Dass es zu viele gibt, die profitieren, ohne beizutragen: Einzelne in Europa, die über Jahre falsche statistische Zahlen geliefert haben, andere, die das nicht bemerkt haben, und wieder andere, die Sanktionen verhindert haben; Einzelne in Griechenland, die sich der fairen Besteuerung entziehen; Trittbrettfahrer in der Finanzwelt, die an Staaten mit hohen Staatsschulden immer noch bestens verdienen und darauf setzen, dass sie von der Politik aufgefangen werden. Fairness ist ein urmenschliches Bedürfnis. Sie ist die Voraussetzung für Kooperationsbereitschaft zwischen Menschen und Ländern.

Diese Erkenntnisse dürfen nicht ignoriert werden. Menschen reagieren empfindlich, wenn Fairnessprinzipien verletzt werden. Im schlimmsten Fall bricht Kooperation ganz zusammen. Deswegen muss Unfairness sanktioniert werden. Manchmal hilft auch eine Entschuldigung. Europa ist eine Schicksalsgemeinschaft, deren wichtige Grundlage die Solidarität ist. Wenn jeder an sich selber denkt, ist eben noch nicht an alle gedacht. Es geht darum zu geben, aber auch zu fordern. Das muss kommuniziert werden. Deutschland muss Europa einschließlich des Euro besondere Anstrengungen wert sein, denn beides – Europa und der Euro – sind gerade auch im Interesse Deutschlands. Ohne ein überzeugendes und tragfähiges Gesamtkonzept, bei dem wirklich alle herangezogen werden, wird der Zweifel bei den Menschen letztlich überall in Europa wachsen.

DIE ZEIT: Befürchten Sie, dass in Deutschland eine populistische Bewegung zum Beispiel gegen Europa oder gegen den Euro entstehen könnte?

Wulff: Da in unserer Gesellschaft Ängste vor sozialem Abstieg wachsen, müssen wir diese Gefahr im Auge haben. Vielerorts wird in Europa nach Renationalisierung, nach Grenzkontrollen, nach Abwehr von Fremden und Fremdem gerufen und von Populisten eine vermeintlich ehemals heile Welt propagiert, die so in der kosmopolitischen Welt keine Perspektive bietet, aber erst einmal in falscher Sicherheit wiegen soll.

DIE ZEIT: Erinnern Sie sich an die Rede, die Sie 1981 beim CDU-Bundesparteitag in Hamburg gehalten haben?

Wulff: Ich erinnere mich deswegen daran, weil zusätzlich 500 Jugendliche eingeladen waren und ich auf der Rednerliste nach vorne geraten war und die Diskussion aufgemischt habe. So etwas ist natürlich eine bleibende Erinnerung, weil man als Jüngerer ja auch erschreckt, wenn man abends in der Tagesschau landet.

DIE ZEIT: War das gewollt und vorbereitet?

Wulff: Ich wollte provozieren, aber ich dachte, ich komme irgendwann dran. Dass Wilfried Hasselmann, der damals Landesvorsitzender in Niedersachsen war, beim Tagungspräsidenten dafür gesorgt hat, dass ich als Erster sprechen durfte, habe ich erst hinterher erfahren. Aber warum fragen Sie danach?

DIE ZEIT: Sie haben damals gesagt: "Ich habe vor allem Angst vor den wohlfeilen Antworten der Politiker." Ab wann waren Sie denn selbst so weit abgeschliffen worden, dass Sie auch angefangen haben, wohlfeile Antworten zu geben?

Wulff: Ich lebe in der Hoffnung, sie bis heute nicht zu geben, eher mal zu schweigen.