Tel Aviv. Israelis müssen immer mit dem Schlimmsten rechnen. Jedes Kind kennt daher die Anweisungen: Wenn Alarmsirenen heulen, muss man innerhalb von 75 Sekunden in einen Schutzraum flüchten, um vor Raketen sicher zu sein. Zu dieser Angst kommt neuerdings noch ein anderes Szenario hinzu, das die Grundfesten des israelischen Daseins erschüttert: die massenhafte Rückkehr von palästinensischen Flüchtlingen.

Der Albtraum hat ein Datum: September 2011. Dann soll der Palästinenserstaat ausgerufen werden. Verteidigungsminister Ehud Barak sprach in diesem Zusammenhang von einem "Tsunami", der über das Land hereinbrechen könnte. In Form von internationalen Boykotten und Märschen auf Israels Grenzen oder Siedlungen im Westjordanland – geplant und koordiniert per Internet und SMS.

Die arabische Revolution hat also die Israelis erreicht. Nach einer Umfrage des Peace Index Project glauben fünfzig Prozent der jüdischen Bevölkerung, dass der Sturm auf die Grenzen des Landes am 15.Mai den Beginn eines populären Aufstands signalisierte, der jenen in den arabischen Ländern ähnelt. An dem von den Palästinensern jährlich begangenen Nakba-Gedenktag zur Erinnerung an die Vertreibung 1948 hatten mehrere Tausend von Syrien und Libanon aus versucht, Grenzanlagen zu durchbrechen. Siebzig Prozent der Befragten halten eine erneute Intifada für wahrscheinlich. Armee und Polizei bereiten sich schon darauf vor, zivile Massenproteste so friedlich wie möglich einzudämmen.

Als die arabischen Demonstranten erst das Regime in Tunesien und dann in Ägypten stürzten, war man in Israel zunächst erleichtert, dass es bei den Protesten "nicht um uns geht". Zugleich aber beunruhigten die Risiken: Was soll an die Stelle der bisherigen stabilen Ordnungen treten? Was wird aus dem Abkommen mit Ägypten, wenn Mubarak nicht mehr seine starke Hand walten lässt? Nach einer Umfrage des Pew Research Center würde eine Mehrheit der Ägypter heute für die Annullierung des Friedensvertrages stimmen. Für Israel hat der Arabische Frühling die Bedrohungslage unkalkulierbar gemacht. Es hat daher eine Weile gedauert, bis sich Benjamin Netanjahu dazu durchrang, die Revolutionen in den arabischen Ländern prinzipiell zu begrüßen. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Schon vor Jahren behauptete Netanjahu, Frieden sei nur mit anderen Demokratien in der Region möglich. "Israel hat nichts von einer echten Demokratie in der arabischen Welt zu befürchten", sagt denn auch der Sprecher des Ministerpräsidentenbüros, Mark Regev. Aber "wir machen uns Sorgen angesichts der Möglichkeit, dass Extremisten den Arabischen Frühling kapern". Siehe Iran im Jahr 1979, oder die Zedernrevolution vor sechs Jahren im Libanon, wo mittlerweile ein von Hisbollah dominiertes Kabinett regiert.

Die Sichtweise der israelischen Politik auf die arabischen Revolutionen lässt sich in zwei Schulen aufteilen. Die eine rät zum Abwarten. In solchen chaotischen Zeiten müsse man ruhig bleiben, bis sich der Nebel lichtet. Mindestens bis nach den Wahlen in Ägypten. Netanjahu glaubt das. Ähnlich denkt man im Außenministerium. "Es ist nicht klar, was um uns herum passiert ist, und noch weniger, was passieren wird", sagt ein Beamter, der lieber anonym zitiert werden möchte. Der Handlungsspielraum Israels sei in dieser Zeit ziemlich beschränkt. Ein israelisches Lob für diese oder jene neue politische Figur in den Nachbarländern könnte sich als kontraproduktiv erweisen. Deshalb solle man lieber leisetreten.