Ein radikaler Wandel scheint sich gerade in Italien zu vollziehen. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gibt, und das macht der Regierung Angst. Vor allem bei den jungen Leuten, die lange als völlig unempfänglich für Gemeinsinn und Verantwortungswillen galten, ist die Gleichgültigkeit dem Bewusstsein gewichen, dass etwas getan werden muss. Für das, was gerade passiert, ist "Bewegung" wohl nicht das richtige Wort. "Aufbruch" trifft es eher, denn bislang gibt es weder einen klaren Weg noch ein gemeinsames Programm, lediglich unterschiedliche Einflüsse, Anregungen, Tendenzen und dazu die lebhafte Anteilnahme der Italiener im Ausland, die an der nationalen und internationalen Debatte teilnehmen und in die Heimat zurückkehren wollen.

Unter den Wählern herrscht nicht mehr die duckmäuserische Fügsamkeit, die es den Regierenden bislang ermöglichte, an billige Wählerstimmen zu kommen. Es wird nicht mehr alles fraglos geschluckt, platte Werbetricks genügen nicht mehr, um die Wähler im letzten Moment zu ködern. Darin besteht die große Veränderung. Inzwischen wollen die Menschen überzeugt werden, sie wollen verstehen. Die jüngeren Generationen wollen bewusst über ihr eigenes Schicksal entscheiden und auf das, was um sie herum geschieht, Einfluss nehmen. All das hat eine revolutionäre Note, es schmeckt nach liberaler Revolution: mit dem anderen reden, sich verständlich machen, das, was geschieht, erklären. Begreifen, um zu entscheiden. Das ist meine Wahrnehmung der Dinge, und ich finde es wichtig, diese Erfahrungen und Gefühle mit den Menschen zu teilen, die Italien fern sind und meinen, das, was sich in den letzten Jahren dort abgespielt hat, gehe sie nichts an. Auch die deutschen Leser sollten sich Italien zuwenden, um seine Dynamik zu verstehen und seinen Wandel zu unterstützen. Europa ist nicht Europa, wenn das Schicksal eines europäischen Landes nicht als gemeinsames Schicksal empfunden wird.

Das Staatsfernsehen verkommt zum Sprachrohr der Regierung

Die Politik der vergangenen Jahre – vor allem die Regierungspolitik, aber auch die der Opposition – war von den tatsächlichen Problemen des Landes Lichtjahre entfernt. Sie hatte darauf keine Antworten. Sie war wie eine Kaste, einzig auf ihre Privilegien bedacht und nur um diejenigen bemüht, die ihr angeblich oder tatsächlich etwas zu bieten hatten. Umgekehrt versprach sie oft mehr, als sie halten konnte. "Kein Job? Wähl mich, und du kriegst einen." "Schlechte Straßen? Du brauchst einen Kindergartenplatz? Wähl mich, dann wird vielleicht was draus." Häufig konnte dieses Tauschgeschäft über die Distanz zwischen Politik und der handfesten Lösung konkreter Probleme hinwegtäuschen, doch mit der Zeit wurde dieser Handel immer fadenscheiniger. Die Wähler haben begriffen, dass sie mit dem "Verkauf" ihrer Stimmen nichts bekommen, sondern auch alles andere verlieren. Demokratie bedeutet nicht, für asphaltierte Straßen, einen Kindergartenplatz oder ein Krankenhausbett, sondern für eine Vielzahl von Dingen zu wählen. Italien wird sich dessen bewusst und hat von der Tauschhandelpolitik die Nase voll. Es will Antworten, es will zurück zu einer Politik, die etwas verändern kann und nicht allein von Slogans und falschen Versprechen lebt.

Italiens politische Parteien sind veraltet, ihre Strukturen bewähren sich allenfalls hinsichtlich ihrer selbst, ihre DNA ist krank. Doch soll dies kein Aufruf zur Feindschaft gegenüber aller Politik sein, sondern eine Aufforderung an die Parteien, sich zu verändern – im bitteren Bewusstsein, bisher nur der Bürokratie gegenüber offen gewesen zu sein. Bei der Bestimmung der Parteiführung ging man nicht immer nach Talent, und allzu oft fiel die Wahl auf Menschen, die unfähig waren, zu kommunizieren und sich im Netz oder im Fernsehen darzustellen.

Die von mir nicht ganz zutreffend "Bewegung" genannte Vielfalt farbiger Wege – lila, orange, der Politik bislang unbekannte Farben, die übers Internet und über Plätze und Straßen das politische Leben des Landes durchdrungen haben – ist genau das: Neue Talente, eine neue Art, Politik zu machen und die Dinge anzupacken. All diese Kräfte können die Parteien verändern, vorausgesetzt, diese fühlen sich in ihren Führungspositionen nicht bedroht und sperren sich nicht gegen Erneuerung. All das ist möglich, und der Sieg des Neuen über alles, wofür die jetzige Regierung steht, kann nur hier seinen Anfang nehmen: bei dieser bunten Vielfalt, die sich über das Netz und auf den Straßen sammelt. Von den Parteien, die ihre grauen, überalterten und labyrinthischen Strukturen über Bord werfen und sich von den Geschehnissen anstecken und inspirieren lassen.

Davor hat die Regierung Angst. Der Zwang, Journalisten zu knebeln und Fernsehsendungen zu boykottieren, ist das augenfälligste Symptom für ihre Schwäche. Die Regierung verschließt sich, während ein erheblicher Teil des Landes sich öffnet und die Angst vor der Ungewissheit und einer immer ferneren und selbstbezogeneren Politik abschütteln will. Es mag ein wenig romantisch klingen, doch heute haben die Bürger und Wähler zu einer Einigkeit gefunden, die die italienische Politik seit Jahrzehnten vermissen lässt.

Das ist neu: Die zunehmende Offenheit der Bürger als Antwort auf das Sichverschließen der Regierung. Das öffentlich-rechtliche italienische Fernsehen RAI verliert mehr und mehr an Autorität. Sendungen, die den Ministerpräsidenten aufs Korn nehmen und sich deshalb großer Beliebtheit erfreuen, wandern zu anderen Sendern ab. Die größte Nachrichtensendung TG1 ist zu einem Sprachrohr der Regierung verkommen und hat unlängst einen regelrechten Kreuzzug gegen Facebook inszeniert, das bei den jüngsten Abstimmungen gegen die Regierung eine wichtige Rolle gespielt hat. Solch politisches Gebaren schadet der RAI und untergräbt ihre Glaubwürdigkeit.

Auch gegen meine Sendung Vieni via con me ("Geh mit mir fort"), die im vergangenen November vier Montage in Folge auf RAI3 ausgestrahlt wurde, hatte die RAI den Rekordeinschaltquoten zum Trotz Veto eingelegt. Vor diesem Hintergrund ist auch der Interessenkonflikt zu sehen, der den Ministerpräsidenten Berlusconi und die Leitung seiner von Familienmitgliedern geführten Fernsehsender betrifft. Während bei der Vergabe von Werbezeiten trotz der höheren Einschaltquoten der Öffentlichen auch weiterhin in Berlusconis Sender investiert wird, lassen die seit Wochen die Schlagzeilen beherrschenden Untersuchungen zur mutmaßlichen Geheimloge P4 nur auf eines schließen: Auf ein immenses Netzwerk vertraulicher Informationen, unlauter genutzt und von der Regierung geschützt.