Was eine Schildkröte namens "Die Alte" und der Chemieriese Bayer gemeinsam haben? Beide spielen im Leben des Duisburgers Erich Hennen eine herausragende Rolle. Die Schildkröte ist Hennen vor rund dreißig Jahren auf dem Tennisplatz "zugelaufen". Niemand wollte sich um das Tier so recht kümmern, Hennen selbst sagte damals nicht schnell genug Nein. Seitdem verbringt "Die Alte" die Tage an einem Teich in seinem Garten. Ihr geht es gut. Etwas anders die Geschichte mit Bayer: 2007 begann das Unternehmen, entlang des Rheins eine knapp 70 Kilometer lange Pipeline zu verlegen .

In den dunklen Röhren 1,40 Meter unter der Erde, sollte hochgiftiges Kohlenmonoxid (CO) von Dormagen nach Uerdingen gepumpt werden. Das Gas, das Bayer in seinem einen Werk nicht braucht, ist in einem anderen nützlich, und die Leitung schien den Managern die effizienteste Art, das Kohlenmonoxid zu transportieren. Doch als die Bagger anrollten, formierte sich in Duisburg der Widerstand. Protestaktionen, 110.000 Unterschriften. Erich Hennen und die Seinen sagten Nein! Das gilt bis heute.

Ende Mai hat das Verwaltungsgericht Düsseldorf den Planfeststellungsbeschluss aus dem Jahr 2007 für rechtswidrig und nicht vollziehbar erklärt. Rund 50 Millionen Euro hat Bayer damit, wenn nicht noch ein Wunder geschieht, sinnlos vergraben. Fast leidtun könnte einem der Konzern, dass er es bei all dem Theater auch noch mit Erich Hennen zu tun hat.

Tierfreund Hennen, die Meisen im Garten picken ihm aus der Hand, ist kein Autodidakt, kein militanter Rentner, der mit 70 neue Herausforderungen sucht. Von Beruf ist er Sicherheitsingenieur gewesen, Spezialist für Gefahrstoffe. "Ich kenne die Gefährlichkeit von Kohlenmonoxid, ich habe viele CO-Tote in den Betrieben erlebt." Vor vielen Jahren, bei der Explosion eines Gaswäschers in einer Metallhütte, "hatte ich 16 Leute da liegen". Will er nicht noch mal erleben, deshalb ist er angetreten – als Kopf der Bewegung. In dem Regal hinter seinem Schreibtisch befinden sich die Aktenordner mit all den Argumenten, mit denen er die Gegenseite quält.

Wie will man Sabotage verhindern? Wie ist zu vermeiden, dass ein Baggerfahrer für eine Leckage sorgt? Es gibt kaum ein Ziel, das britische Bomber im Zweiten Weltkrieg häufiger angegriffen haben als Duisburg, die Stadt mit dem großen Binnenhafen. Also hat sich Hennen die Abwurfpläne der Briten besorgt. Was passiert, wenn unter der Pipeline, die auch in unmittelbarer Nähe von Schulen und Kindergärten vorbeiführt, ein Blindgänger explodiert? Kohlenmonoxid ist hochentzündlich, man riecht und schmeckt es nicht. Drei Atemzüge, und man ist bewusstlos. "Wenn das Zeug hier hochgeht", sagt Hartmut Wandt, "dann gibt es nichts mehr zu retten, dann kann man nur noch bergen."

Wandt ist Neurochirurg. 1986 hat er in Duisburg-Rahm ein Haus bezogen, einen Neubau. Heute führen die Rohre in einer Entfernung von fünf Metern an seinem Grundstück vorbei. Nachbarn, die weggezogen sind, berichteten von einem Wertverlust von gut und gerne 20 Prozent.

Auf zahlreichen Fotos hat Wandt festgehalten, wie damals im Frühjahr 2007 das Baggerballett hinter seinem Rosengarten begann. Damals hatte er das Gefühl, dass "Schweißer aus ganz Deutschland" für die Arbeiten in der Nachbarschaft zusammengezogen worden waren. "Hier liefen die Maschinen fast rund um die Uhr."