Fängt so eine Zeitreise an? Mit einer Bordkapelle, die Seemann, deine Heimat ist das Meer posaunt? Mit einer Tasse Filterkaffee voll Jacobs-Krönung-Flair? Und mit der Wiederkehr des Brustbeutels, nun getragen von Rentnern, die darin ihre Reiseunterlagen sicher verwahren?

Ein Dienstagnachmittag in Kiel. Strammer Westwind treibt letzte Wolkenfetzen über die Förde zur Ostsee hinaus. Im Hafen drängen fast 500 Passagiere durchs gläserne Kreuzfahrtterminal an Bord eines Schiffes, das sie hinaus aufs Meer tragen soll – und zurück in die "gute alte Zeit". Umtänzelt von jungen Kellnern, warten hier Damen, die wie ganze Parfümerien riechen. Und Herren, die ihre Kameras gefechtsklar machen und rufen: "Foto, Inge!"

Am Ostseekai liegt gleißend weiß die MS Deutschland – bekannt als das "Traumschiff", das seit 30 Jahren durchs ZDF-Abendprogramm kreuzt. "Traumschiff IV", muss man richtig sagen, denn bis 1999 wurde auf anderen Schiffen gedreht. Aber das macht nichts: Wer sich auf der MS Deutschland einschifft, betritt eine seltsam vertraute Kunstwelt. Ein exterritoriales Stück alter Bundesrepublik, das durch die Gegenwart fährt. Die Kulisse manch pastelliger Fernsehkindheit, die immer auch echtes Schiff war. Die Inneneinrichtung sieht aus, als habe ein Konditor auf Raumausstatter umgeschult: überall Stuck, Nussbaum und Messing. Auf den Toiletten perlt Operettenmusik aus Deckenlautsprechern.

Die Passagiere der Deutschland sind im Schnitt 63,5 Jahre alt – und jetzt, außerhalb der Schulferien, deutlich älter. Der Markenkern des Schiffes, seine hochglanzpolierte Gediegenheit, ist für die Deilmann-Reederei zum Problem geworden: Ausgerechnet am einzigen Kreuzfahrtschiff unter deutscher Flagge ist der aktuelle Seereiseboom vorbeigegangen. Es gilt als altbacken, plüschig, überteuert. Die Reise, die an diesem Tag beginnt, steht unter dem Motto "Mittsommernachtsträume am Baltischen Meer". Zwölf Tage, elf Häfen: von Kiel bis nach St. Petersburg und über Stockholm wieder zurück. Die Preise liegen zwischen 3.600 und 13.200 Euro, pro Person. Neue, jüngere Kunden bekommt man so nicht an Bord. Die buchen lieber auf Clubschiffen von Aida oder TUI.

Als im Mai vorigen Jahres im Maschinenraum der Deutschland auch noch ein Feuer ausbrach und drei Reisen ausfielen, war die Reederei so klamm, dass sie die Mehrheit an ihrem Schiff an den Finanzinvestor Aurelius verkaufen musste. Der hat das Schiff renoviert, ein neues Teakdeck legen lassen und für seine Ostseekreuzfahrt gegen 390 Euro Aufpreis das "Themenpaket Fußball" angeboten. Das besteht im Wesentlichen aus der Anwesenheit von: Uwe Seeler, 74.

Unter dröhnendem Schiffshorn, über die Toppen geflaggt und – tatsächlich! – untermalt von James Lasts geigenschwerer Traumschiff-Melodie, verlässt die Deutschland Kiel, was kurz von der Frage ablenkt: Warum eigentlich Seeler? Einerseits gehört er fest zum bundesdeutschen Erinnerungsschatz. Er ist Ehrenspielführer der Nationalelf, Vizeweltmeister 1966, Ehrenschleusenwärter seiner Heimatstadt Hamburg und Ehrenkapitän des Museumsseglers Rickmer Rickmers; mit seiner halbamtlichen Aura passt er auf die Deutschland, besser jedenfalls als Fußballrüpel wie Lothar Matthäus oder Stefan Effenberg. Andererseits ist nicht ganz klar, was Seelers Lebensweg mit einer Kreuzfahrt durch dänische, estnische und russische Gewässer zu tun hat. Er war ja immer beim Hamburger SV. Da hätte eine Alsterrundfahrt gereicht.

Zehn Passagiere, hatte die Reederei vorab mitgeteilt, seien in der Fußballgruppe. Die trifft sich am Abend zum Kennenlernen in der holzgetäfelten Adlon-Lounge auf Deck 8. Uwe Seeler kommt so, wie man ihn schon immer zu kennen geglaubt hat, ohne ihn je kennengelernt zu haben: fröhlich, rundlich, rotbäckig. Schnell stellt sich heraus: Zu den zehn Fußballpassagieren zählen Seeler und seine Frau Ilka, seit 52 Jahren verheiratet, dazu eine Freundin der Seelers, der Journalist Roman Köster, mit dem Seeler seine Biografie Danke, Fußball! geschrieben hat, Kösters Frau sowie die Reiseplanerin der Reederei und deren Mann. Sind sieben, bleiben drei: die etwas gebrechliche Frau B. aus Berlin, 82, alleinstehend und zum zehnten Mal an Bord – weshalb sie jetzt mal "eine Abwechslung" brauche. Und das Ehepaar M. aus Itzehoe, sehr höflich, äußerst zurückhaltend und auch schon zum neunten Mal dabei. Sie hat in Beton gemacht, er in Exporten.