Eine Steigerung von 9.000 Euro auf 270.000 Euro, spektakulär, nicht wahr? Auch in einer Saison, in der die Auktionsrekorde nur so purzeln. Vor allem im Bereich der modernen Kunst und der Kunst nach 1945 waren die Umsätze in den gerade zu Ende gegangenen Auktionen sehr gut – andernorts, aber auch hierzulande. Nahezu jedes deutsche Haus berichtet von der besten Saison in der Firmengeschichte. Und so mancher fängt schon wieder an, von Blasen und vergleichbarem Ungemach zu raunen. Bis dahin sollte sich aber doch noch einiges ändern.

Derweil müssen sich die potenziellen Käufer mit einer Offerte auseinandersetzen, die durchweg solide, aber gar nicht herausragend ist. Das ist nicht der mangelnden Anziehungskraft hiesiger Auktionatoren geschuldet, gar einem Vertrauensschwund in deren Sachverstand oder der großen Furcht vor allerorten lauernden Fälschern .

Es ist schlicht sehr, sehr schwierig, aus guten Sammlungen zu akquirieren. Villa Grisebach, Berlin, ist da mit den Bildern aus der Firmensammlung Arcandor (ehemals Karstadt AG) ein bemerkenswerter Coup gelungen. Die Bilder, etwa Ernst Wilhelm Nays Riesenformat Chromatische Scheiben , das bei 750.000 Euro zugeschlagen wurde, waren überwiegend in den späten Sechzigern, quasi zum Zeitpunkt ihrer Entstehung, oft auch direkt im Künstleratelier gekauft worden und kamen nun marktfrisch in den Handel. Ein Idealfall, der entsprechend honoriert wurde. Vor diesem Hintergrund ist auch der Rekord von 400.000 Euro für Norbert Krickes Edelstahl-Raumplastik von 1959/63 nicht überraschend, obwohl die Schätzung weit niedriger war. Lucio Fontanas zuvor aus der Sammlung Dolf Selbach bei 240.000 Euro aufgerufenes rotes Concetto Spaziale ging mit einem Gebot von 820.000 Euro in eine italienische Sammlung. Ein Rekord, allerdings nur ein deutscher, denn Fontana erzielt international zwischen drei und fünf Millionen Dollar, in Einzelfällen auch weit mehr, allerdings sind das dann die kühn geschlitzten Concetti .

Der vergleichende Blick auf die Ergebnisse in London und New York verbietet sich schon deshalb, weil dort eine qualitativ und wertmäßig weit höher angesetzte Offerte versteigert wird. In den wichtigen und großen Spezialauktionen zumindest, ansonsten geht es dort bisweilen auch sehr gemächlich zu. Hier wie dort ist jedoch zu beobachten, dass die Preise nur in wenigen Ausnahmefällen explodieren, die Bieter halten sich allzu gern an die Empfehlungen der Taxen. Und sie wollen derzeit auch in punkto Sujet und Werktreue nicht allzu viel wagen; damit war beispielsweise das Schicksal von Kirchners untypischem und rigide komponierten Stillleben mit Ente und Schnepfe samt strammer Taxe von einer halben Million besiegelt. Viel lieber engagierte sich – wie die Auktionatoren nahezu übereinstimmend feststellten – zunehmend eine auf dem Auktionsparkett noch nicht allzu erfahren agierende Käuferschaft auf die Papierarbeiten großer Klassiker. Und bescherte dem Markt in diesem Segment hie und da neue Eckdaten.

Bestes Beispiel unter vielen, das bei Ketterer in München mit einer Schätzung von 60.000 Euro offerierte Pechstein-Aquarell Mädchen in der Hängematte brachte 135.000 Euro. Für sein Gemälde Zerfallenes Haus hingegen konnte die Taxe von 300.000 Euro nicht realisiert werden, und auch für Gabriele Münters Stillleben mit Madonna laufen noch die Nachverhandlungen, 250.000 Euro waren jedenfalls zu hoch gegriffen. Otto Dix’ in der inneren Emigration (oder sonst wo) 1940 in altmeisterlicher Lasur gemalte Landschaft Alte Birnbäume in Hemmenhofen gefiel den Bietern und wurde von 60.000 Euro auf 225.000 Euro gehoben. Guter Name, ordentlich gemalt, ausbaufähige Taxe. Dass diese Werkphase im Œuvre des Künstlers nachrangig beurteilt werden muss, ist offensichtlich auch nachrangig für so manche Kaufentscheidung, die, wiewohl sie vor der Auktion in der Regel noch realistischen Erwägungen folgt, während eines erbitterten Bietgefechts rasch außer Kraft gesetzt werden kann.

Bei Lempertz in Köln war ebenfalls zu beobachten, dass weniger dem Markt als vielmehr den Bedingungen der Einlieferer folgende Taxen kontraproduktiv sind – über Noldes spröde Kirchenfiguren II , einst in der Sprengel-Sammlung, Hannover, wird bei einem Vorbehaltszuschlag in Höhe von 530.000 Euro noch verhandelt, während um Schwitters köstliche Plastik Dancer/Tänzer ein Bietgefecht entbrannte, das weit über dem Doppelten der Taxe bei 500.000 Euro eine Schweizer Galerie für sich entschied. Ganz offensichtlich steckt noch eine ganze Menge mehr Fantasie in der anmutig beschwingten Figur.

Die deutschen Häuser tun sich schwer im internationalen Auktionsorchester, den Takt geben sie nicht an. Von den international stetig steigenden Preisen, der ungebrochenen Begeisterung für Kunst als Kapitalanlage , die die Sinne anregt und obendrein zu Prestige verhilft, profitieren sie allemal und können alljährlich Umsatzrekorde melden. Ach ja, die anfangs erwähnte, überaus spektakuläre Steigerung? Die galt einem Schreibtisch, an dem viel über die Zusammenhänge von Kunst und Geld nachgedacht wurde, dem Schreibtisch des nun schon legendären Schweizer Galeristen Ernst Beyeler, der mehr als die meisten vom Thema verstand.