Irgendwann standen wir alle einmal wie Gil Pender, die Hauptfigur in Woody Allens neuestem Film Midnight in Paris , spätnachts auf einem Pariser Boulevard. Wir hatten ein wenig zu viel getrunken, und dann kam ein Oldtimer vorbei, hielt direkt vor uns, und wir stiegen ein. Eine muntere Gesellschaft war in dem Wagen unterwegs, bot uns Champagner an und ließ uns mitfeiern. Und plötzlich begriffen wir: Durch eine lockere Zeitreise von kaum einer Minute waren wir in unseren Paris-Fantasien angekommen, im Paris der zwanziger Jahre, wie es niemand besser beschrieben hat als Ernest Hemingway, der Magier mit den schlichten Hauptsätzen und dem Gespür für alles Sinnliche , vom Angeln an der Seine bis zum Trinken eines frischen Muscadet genau am richtigen Ort, genau zur richtigen Zeit.

Der überraschende Zeitsprung erschreckte uns aber nicht im Geringsten, denn wir kannten uns in den zwanziger Jahren besser aus als in der Gegenwart. Hemingways posthum, wenige Jahre nach seinem Tod erschienenes Erinnerungsbuch Paris, ein Fest fürs Leben hatten wir unzählige Male gelesen und kannten ganze Partien sogar auswendig. "Dann war das schlechte Wetter da" – so hatte Annemarie Horschitz-Horst den berühmten ersten Satz übersetzt. Dieser Satz war der markante Gongschlag zu Beginn einer endlosen Traumreise, mitten hinein in das Leben der Literaten- und Maler-Clubs und so nahe dran an den Atmosphären von Boheme, Hinterhof und Literaten-Café, dass man sich wie ein Eingeweihter vorkommen konnte.

Im Zentrum dieser Einweihung aber stand die Initiation in das Schriftstellerleben, wie es verführerischer und vor allem problemloser nie geträumt worden ist. In Hemingways hymnischer Feier von Einfachheit und Geradlinigkeit bestand es aus guten Pariser Tagen, einem Kreis von trinkfesten Freunden, einer Lehrerin für alle Fragen des schriftstellerischen Handwerks und einer gewaltigen Dosis an Liebe. Diese Liebe aber war mehr als die Liebe zur eigenen Frau und dem gerade geborenen ersten Kind, es war eine Liebe, die von dieser familiären Konstellation aus überströmte auf alles Dingliche, auf Straßen, Läden, Bäume und Parks.

Klicken Sie auf das Bild, um zur Fotostrecke zu gelangen © Edition Olms Zürich

Im Grunde zelebrierte Hemingways Blick eine Liebe zur Schöpfung, und das Erfrischende daran war, dass er es mit der Gestik des amerikanischen handfesten Buben vom Land tat, der alle Wehleidigkeiten, auf die sich die europäische Moderne längst verständigt hatte, mit gespielter Naivität einfach übersah. Und so ging es im speziellen Fall Hemingways denn auch nicht um Entfremdung, Identität, Skepsis oder gar Angst, sondern einzig und allein um das Glück. Die kühne Dreistigkeit, auf dem puren Glück zu bestehen und das sich trist und desillusioniert gebende Paris der zwanziger Jahre auf dieses Glück hin abzutasten und zu durchsuchen, war die revolutionäre Pointe von Hemingways Paris-Buch. Nichts anderes als diese Pointe machte das Buch zu einer solchen Ausnahmeerscheinung und daher zu einem unserer "Herzbücher".

Heute aber liegt Hemingways Tod im Jahr 1961 bereits fünfzig Jahre zurück. Längst hat sich die literaturwissenschaftliche Forschung bis in alle Details des Paris-Buches angenommen und dabei sehr Erstaunliches zutage gefördert. Ein Ergebnis dieser Forschungen ist die Ausgabe des Buches in der Urfassung, die pünktlich zum 50. Todestag jetzt auch auf Deutsch (in einer sehr guten Übersetzung von Werner Schmitz) erschienen ist. Diese Neuausgabe aber lässt uns eine bisher verborgene Geschichte von großer Spannung erkennen, und erst diese Geschichte lässt einen genauer ahnen, was alles hinter Hemingways Paris-Mythomanien steckte.

Zunächst einmal: Während einer seiner späten Europareisen mit seiner vierten Frau Mary wurden Hemingway 1956 im Pariser Hotel Ritz zwei Koffer ausgehändigt, in denen er Notizbücher und Manuskripte der zwanziger Jahre deponiert hatte. Hemingway ließ das gesamte Material dieser Zeitkapsel in einem eigens dafür gekauften Louis-Vuitton-Schiffskoffer über den Atlantik und weiter nach Kuba bringen und machte sich dann auf seiner dortigen Finca über die Aufzeichnungen her. Für den damals stark depressiven und schwer kranken Mann müssen sie eine Offenbarung mit stärksten Erinnerungsschüben aus weitgehend unbelasteten sowie psychisch und physisch gesund durchlebten Jahren gewesen sein.

Plötzlich und unerwartet hatte er wieder einen großen Stoff und darüber hinaus ausreichend Material, um – nach vielen gescheiterten anderen Versuchen – ein neues Buchprojekt angehen zu können. Dieses Projekt plante er als ein Erinnerungsbuch, das jedoch mit gängigen Memoiren nichts zu tun haben sollte. Hemingway wollte vielmehr die Atmosphären der zwanziger Jahre wiederbeleben, er wollte ihre Auferstehung feiern, und er wollte diese Feier so inszenieren, dass auch er selbst, als todkranker und an Schreibblockaden leidender Schriftsteller, an diesem Schreiben wieder genas.