Den meisten Lesern wird das denkwürdige Ereignis gar nicht aufgefallen sein: Das Jahr 2010 war das Jahr mit dem höchsten Energieverbrauch in der Geschichte der Menschheit. Um 5,6 Prozent höher lag er als 2009, aber das sind nur temporäre Rekorde, deshalb bemerkt sie niemand.

Nächstes Jahr wird ein weiteres Jahr mit Energieverbrauchsrekord sein. Nichts anderes gilt für die Kehrseite der Nutzung fossiler Energien: Bei den klimarelevanten Emissionen verbuchte das Jahr 2010 eine Steigerung von 5,8 Prozent. Die haben sich allein in den vergangenen zwanzig Jahren fast verdoppelt – trotz Kyoto, Kopenhagen, Cancún und allen noch kommenden Niedrigeffizienz-Konferenzen, von denen vor allem das örtliche Gastgewerbe, die Fluggesellschaften und die Medien etwas haben.

Das Klima nicht so sehr. Denn jeder betreibt sein Geschäft weiter wie schon immer: Die Unternehmer produzieren, die Konsumenten kaufen, die Administrationen verwalten. So sieht sie aus, die fossile Welt, besonders seit vor einem halben Jahrhundert die bis heute ungebremste Beschleunigung beim Ressourcenverbrauch und bei der Verschmutzung des Planeten so richtig auf Touren gekommen ist. In der Zwischenzeit ist noch eine Interessengruppe dazugekommen: diejenigen, die dafür zuständig sind, auf die Umweltprobleme aufmerksam zu machen.

Stimmt ja: Nächstes Jahr können wir den vierzigsten Jahrestag des Erscheinens des legendären Limits to Growth feiern, jenes Berichtes des Club of Rome, der die Öffentlichkeit so sehr aufgewühlt hat, dass Fragen der Nachhaltigkeit und des Klima- wie Umweltschutzes aus keinem Unternehmensleitbild, aus keinem Parteiprogramm, ja, aus keinem anständigen Kindergarten mehr wegzudenken sind. Nur leider: An dem ungebremst steigenden Raubbau an den Ressourcen ändert das alles nichts. Der Planet wird nämlich auch dann nicht folgenlos geplündert, wenn sich das diesbezügliche Bewusstsein verändert hat. Genauso wenig, wie sich die Klimaerwärmung an den in Cancún formulierten Beschluss halten wird, bei zwei Grad mehr dann mal aufzuhören.

Marcel Hänggi, der schweizerische Journalist, der schon mit seinem Buch Wir Schwätzer im Treibhaus auf die bemerkenswerte und gewiss nicht absichtslose Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln hingewiesen hatte, legt nun einen Band vor, der das sich abzeichnende Ende des Ölzeitalters als Chance zum Umsteuern skizziert. Hänggi betrachtet den Gebrauch von Energie als soziale Praxis und bleibt daher nicht bei den wohlbekannten Auflistungen von CO2-Emissionen, ökologischen Rucksäcken und so weiter stehen.

Er diskutiert in historischer Perspektive die Abfolge unterschiedlicher Energieregime von der Jäger- und Sammlerkultur über die Agrargesellschaften bis hin zur Industriegesellschaft, deren ungeheurer Produktivitätsfortschritt sich ja vor allem der Nutzung fossiler Energien verdankt. Dabei wird deutlich, dass sich Energieregime nicht ablösen, sondern dass Innovationen in der Energienutzung in der Regel dazu führen, dass die neue Energie parallel zur alten genutzt wird, das Angebot sich also ausweitet. Das ist übrigens ein Phänomen, das für alle sozialen Innovationen gilt, und insofern darf man hinsichtlich der mit großer Blauäugigkeit verkündeten Energiewende hierzulande durchaus skeptisch sein: Sie wird den weiteren globalen Anstieg der Energieverbräuche und Emissionsmengen nicht verlangsamen.