Sie glänzt verdächtig, die rechte Hand des Meisters, weiß und lang. Sie ist neu. In Weimar schleichen Studenten vor wichtigen Prüfungen gern mal in den Park an der Ilm, um sich vom steinernen Liszt-Denkmal einen Finger abzubrechen, als segensreiche Reliquie. Und einen entfingerten Franz Liszt kann sich Weimar gerade jetzt nicht leisten, 200 Jahre nach seiner Geburt, 125 Jahre nach seinem letzten Tag in der kleinen Stadt, in der er so viel geschaffen und angestoßen hat und zugleich so wenig verändert. Ungerührt blickt der steinerne Dauergast gen Osten, vielleicht auch nur über den Park bis zur Altenburg, wo im Sommer 1848 eine "neue Kunstperiode" begann, wie Liszt jedenfalls hoffte, aber auch ein Skandal, wie viele Weimarer fanden. Der in ganz Europa umjubelte Klavierstar lebte hier unverheiratet zusammen mit einer russischen Fürstin.

Ohne sie, ohne diese zierliche und entschlossene Carolyne von Sayn-Wittgenstein hätte Franz Liszt hier nicht einen Großteil seiner Werke komponiert. Sie war eine liebevolle Zuchtmeisterin, sie hielt das Genie zur Disziplin an und notierte die Liste seiner Werke mit feiner Bleistiftschrift in ein Büchlein. Es liegt jetzt aufgeschlagen im Schillermuseum, wo die Schau Ein Europäer in Weimar nachzeichnet, welcher Komet sich von der rätselhaften Gravitation der thüringischen Kleinstadt anziehen ließ, widerstrebend übrigens. Denn Liszt und seine Gräfin liebäugelten eigentlich mit Wien. Und die Weimarer begriffen nicht recht, warum ein polyglotter Virtuose die Nachfolge der Klassiker Goethe und Schiller antreten sollte. So hatten sich Großherzogin Maria Pawlowna und ihr Sohn das nämlich gedacht, als sie Liszt zum Hofkapellmeister machten.

Auf die toten Dichter ist Weimar noch heute fixiert. Der Klassikerkult unterm schier immerblauen Himmel steht dem zerrissenen, unangepassten Innovator Liszt entgegen und scheint selbst die Ästhetik mancher Exponate zu diktieren, die ihn uns näherbringen sollen. Den Abguss der Hand des Knaben Franz etwa. Rührend und starr liegt die gipserne Kinderhand unter Glas, durchtrainiert, seit Hobbymusiker Adam Liszt das Talent seines Sohnes erkannte, ihm Unterricht gab und schließlich den Wunderknaben auf Mozartscher Reiseroute zu europäischen Tourneetriumphen hochmanagte. Die Liszt, anders als Mozart, als Erwachsener noch übertraf. Eine gewaltige Europakarte im Schillermuseum ist übersät mit Auftrittsorten Tausender Konzerte von Gibraltar bis St. Petersburg, von Lissabon bis Moskau. Im Auge des Orkans: Weimar.

Als Liszt kam, hatte die Hofkapelle nur 35 Instrumentalisten, in acht Jahren wurden 39 daraus, und Aushilfen mussten erbettelt werden, damit er seine Projekte realisieren konnte: drei Festivals für den Avantgardisten Berlioz, über 40 Opern, darunter Erstaufführungen von Verdi und Meyerbeer, als spektakulärste Uraufführung Wagners Lohengrin, für den es 46 Proben gab. Das erregte europaweit Aufsehen, immerhin erleichterte ein Bahnhof die Anreise. Aber für eine Stadt von 12.000 Einwohnern und die höfische Bürokratie war das alles ein paar Nummern zu groß. Die "Kunstperiode, wo Wagner und ich die Koryphäen gewesen wären wie einst Goethe und Schiller", scheiterte, wie Franz Liszt frustriert schrieb, an der "Engherzigkeit gewisser örtlicher Verhältnisse" und "aller Arten von Mißgunst und Dummheit".

Eben dieses Missverhältnis wird in der Ausstellung, anders als im Katalog, kaum thematisiert, obwohl sich im lokalen "Problem Liszt" auch die defizitäre Rezeption seiner Musik und Gestalt im 20. Jahrhundert spiegeln ließe. Eher wird hier eine europäische Erfolgsgeschichte inszeniert – das aber hochkarätig und mit vereinten Kräften. Klassik Stiftung und Musikhochschule Weimar knüpften gemeinsam ein Netz von Events und können in der zentralen Schau wahre Schätze präsentieren. Weil in Weimar 14.000 Blatt Notenhandschriften von Liszt aufbewahrt werden, kann man am Autograf erkennen, wie der Komponist hier am Tasso nach Goethe feilte – und damit am neuen Genre der Symphonischen Dichtung, der "Form als Gestaltung einer poetischen Idee", wie Hauptkurator und Lisztologe Detlev Altenburg schreibt. Der, so verlangt es wohl die Weimarer Universalharmonie, selbst in der Altenburg lebt.