Die internationale Kunst beginnt manchen zu langweilen, das Etikett »Weltkunst« ist heute vor allem zum Kriterium des Marktes geworden. Man tut jetzt gut daran, sich in den Regionen umzuschauen und sich ihrer möglichen Reserven zu vergewissern. In der Provinz stößt man auf Überraschungen. In Würzburg zum Beispiel wurde jüngst eine besonders reizvolle und durchdachte Sammlung aufgebaut, die beherzt den zeitgenössischen Kanon sprengt. Das junge Museum am Dom, ein 2003 eröffnetes Haus, vollbringt gleich mehrere Kunststücke. Es zeigt Kunst aus tausend Jahren nicht als Entwicklungs- und Fortschrittsgeschichte, sondern in einem Nebeneinander und Miteinander, das die Trennlinien und Hierarchien der Epochen überwindet und ein Gleichzeitigkeitsgefühl vermittelt. Es arbeitet die ewigen Schicksalsfragen heraus, die die Menschen aller Epochen bewegt, die in Religion und Kunst immer neu gestellt und nie befriedigend beantwortet werden und damit nie zur Ruhe kommen. Außerdem nutzte das Haus seine späte Geburt, die sich in den Jahren nach dem Ende der DDR vollzog, um etwas reibungslos ins Werk zu setzen, was bisher keinem deutschen Museum gelungen ist: die Vereinigung der beiden noch immer zerstrittenen deutschen Teilkünste.

Rund um den Dom zirkulierten in Würzburg lange diffuse Pläne für ein kirchliches Museum. Erst Jürgen Lenssen, Domkapitular, Theologe und Kunsthistoriker und seit 1989 Bau- und Kunstreferent der Diözese Würzburg, fasste die verstreuten Sammlungen zusammen, gliederte sie und akzentuierte sie durch gezielte Erwerbungen. 1992 wurde eine Kunststiftung der Diözese gegründet, 2001 etablierte sich ein Freundeskreis mit heute 800 Mitgliedern, und 2003 war der Neubau am Kiliansplatz an der Nordseite des Doms fertiggestellt. Säulen des Bestands sind das Mittelalter, fränkischer Barock, Volkskunst, moderne und vor allem zeitgenössische Kunst. Bald bereicherten Zustiftungen von Künstlern, Nachlässe, Spenden und Leihgaben den Fundus.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Von insgesamt 800 sind etwa 300 Werke in der Oberlichthalle des Hauses zu sehen (die untere Halle dient Wechselausstellungen). Hier werden die Bestände in Rundgängen, Quergängen, Durchblicken so präsentiert, dass Werke der verschiedensten Epochen unter thematischen Stichworten miteinander korrespondieren. Die Inszenierung bestätigt gleichsam anthropologische Konstanten. Martyrien und Passionen, Hoffnungen auf Erlösung oder sogar Auferstehung verbinden Künstler aller Zeiten. Träume und Schöpfungslüste, Trauer und Verzweiflung suchen quer durch die Jahrhunderte nach oft verblüffend ähnlichem Ausdruck. Die Gemarterten und Gekreuzigten kehren in zahllosen Mutationen, darunter monomanen Künstlerselbstbildnissen, wieder. Wenn dies Museum etwas predigt, dann ist es die condition humaine: Das menschliche Drama wird leidenschaftlich aufgewühlt und fragend verhandelt. Die Menschheit ist heute so verzweifelt, gequält und unerlöst, wie sie es immer war. Mag auch der Glaube an Erlösung bei Zweiflern hier nicht befestigt werden, geweckt wird aber die Sehnsucht danach.

Das Museum am Dom will ausdrücklich kein Kirchenmuseum sein und keine Glaubenslehren illustrieren. Es fragt und sucht nach dem Spirituellen und Existenziellen in der Kunst. Diese Fragen und die Inszenierung der Bestände öffnen abgeschlossene Epochen, überwundene Stile und feindliche Ideologien und Weltbilder. Pionier war das Museum vor allem bei der Erkundung der ostdeutschen Kunst, die hier zwanglos ins westliche Panorama eingebettet ist. Abstraktes und Figuratives koexistieren ohne Ressentiment und Feindseligkeit. Es war ja ein Ruhmesblatt beider Kirchen, dass sie früh die spektakuläre Wiederauferstehung der Altarbilder, der Kreuzigungen, Himmelfahrten, Höllenstürze und Abendmahle, der Bekenner und Märtyrer, der Engel und Dämonen in den Bildern der späteren DDR entdeckten. Nach der Wende galt diese sozialistische Christlichkeit als verdächtig, kompromittiert, absurd und ausgedient. Die auftragslosen Auftragskünstler aus dem Osten, Repräsentanten wie Dissidenten, fanden Beistand bei ihren ältesten Anwälten, den Kirchen. Die Wiederbelebung der biblischen Bilder fand im Osten nicht nur in der zeichenhaften Symbolsprache der Westkunst, sondern in konkreter Figuren- und Körpersprache statt. Und die entlädt sich in Würzburg zwischen Grützke (West) und Triegel (Ost) so unbändig, dass es in der Gemeinde zu Protesten kam. Als Michael Triegel die Bibel beim Wort nahm und auf seinem Osterbild Christus im Fleisch auferstehen ließ, war der Unwille so groß, dass das keineswegs blasphemische, sondern feierliche Bild ins Depot zurückgezogen werden musste.

Das Museum besitzt 54 Werke ostdeutscher Künstler, darunter monumentale Meisterwerke wie den Kemberger Altar des Chemnitzer »Abstrakten« Wilhelm Morgner, Tübkes Mahnbild von 1967 oder die biblischen Bilder Triegels, die religiöse Emphase aus dem Kunstglauben ziehen. Wolfgang Mattheuer sagte 2003: »Endlich ein Museum, das uns ernst nimmt.« Und Bernhard Heisig war von der Aufnahme in ein Kirchenmuseum so begeistert, dass er dem Haus ein Bild stiftete. Gläubigen bestätigt das Würzburger Museum, dass ihr Glaube in der Kunst weiterlebt. Skeptischen Ästheten gibt es die Zuversicht, dass es heute keineswegs vorbei ist mit der sinnlichen Vitalität und dem spirituellen Ernst der Kunst.