Eine Zeitmaschine? »Ja, so etwas gibt es tatsächlich«, sagt Benne Holwerda , »in Südafrika wird eine gebaut.« Er schaut durch die Glasfront der Mensa und zeigt über die Kap-Ebene in Richtung Nordosten. »Dort draußen soll sie stehen, in der Halbwüste der Karoo.« Holwerda, 34 Jahre alt, ist Astronom. Er kommt aus den Niederlanden und verbringt gerade ein Lehr- und Forschungssemester an der Universität von Kapstadt in der astronomischen Abteilung. Aber er wird voraussichtlich länger bleiben. Denn er hat ein »Ticket« in der Zeitmaschine reserviert, einen time slot von 5.000 Stunden. So lange will er einen winzigen Himmelsfleck studieren. »Die Reise geht zurück zu den Anfängen des Universums.«

Wer verstehen will, warum nüchterne Wissenschaftler plötzlich utopische Anwandlungen bekommen, der muss die Planungszentrale der Zeitmaschine aufsuchen. Holwerda kommt mit hinaus ins Viertel Pinelands, die Zieladresse ist in exakten Koordinaten angegeben: 33.94329 S, 18.48945 E. Ein unscheinbarer Klinkerbau, auf dem Türschild in der dritten Etage steht »SKA South Africa«. SKA ist das Akronym der Zeitmaschine. Es bezeichnet die größte und ehrgeizigste astronomische Mission unserer Tage: Square Kilometre Array , ein gewaltiges Netzwerk von Radioteleskopen, das sich bis zum Jahr 2021 über halb Afrika bis weit hinaus in den Indischen Ozean erstrecken soll. Es ist eine Weiterentwicklung kontinentweiter Radioteleskope wie dem VBLA (Very Long Baseline Array, USA) und Lofar (Low Frequency Array, Europa).

In den Büros sind auf Wandplakaten all die Fragen illustriert, die das Megaprojekt SKA stellt. Was geschah im dunklen Zeitalter unmittelbar nach dem Urknall, in den dark ages ? Wann kam Licht in die kosmische Finsternis? Wie wurden die ersten Galaxien und Sterne geboren? Sind wir allein im Universum? Es sind fundamentale Fragen der Kosmologie und Physik. »SKA will den Antworten näher kommen«, sagt Holwerda und fügt selbstironisch hinzu, man könne dabei vielleicht auch auf kleine grüne Marsmännchen stoßen.

Bernie Fanaroff ist, anders als Holwerda, ein sachlich abwägender Zeitgenosse, der seinen eigenen Sätzen manchmal grüblerisch nachhorcht. Der Astrophysiker war zweiter Stabschef im Präsidialamt von Nelson Mandela, heute ist er Direktor des nationalen SKA-Projekts. »Man kann es durchaus mit der Mondlandung vergleichen«, sagt er und kommt sofort zu den Vorzügen der Radioteleskopie. Mit optischen Teleskopen lasse sich zwar eine Kerzenflamme auf dem Mond erkennen, aber sie können kosmische Dunstwolken nicht durchdringen und kein Gas »sehen«. Sie brauchen Licht, in der Dunkelheit sind sie blind. Radioteleskope hingegen empfangen elektromagnetische Wellen, die viel langsamer, also mit kleinerer Frequenz schwingen als Lichtwellen. Sie erlauben einen tieferen Blick ins All und nehmen Objekte und Energien wahr, die optischen Instrumenten verborgen bleiben. »Sie ermöglichen uns den gleichen Schritt, den Galileo Galilei durch die Erfindung des Fernrohrs gemacht hat«, prophezeit vollmundig Lee Rickard, Astrophysiker der University of New Mexico in Albuquerque.

SKA ist ein gigantisches Radioteleskop, das sich aus 3.000 Parabolantennen zusammensetzt und ungefähr hundertmal so leistungsstark sein soll wie bisherige Geräte. Es ist geplant, die Hälfte der Schüsseln in der südafrikanischen Kernzone in einem Radius von fünf Kilometern zu installieren. Die andere Hälfte soll, in transkontinentalen Spiralarmen angeordnet, in Namibia, Botsuana, Sambia, Mosambik, Kenia, Madagaskar, Mauritius und Ghana stehen. Die Teleskop-Standorte sind durch Glasfaserkabel verbunden, alle gesammelten Signale laufen zur Auswertung in einem virtuellen Superinstrument in Kapstadt zusammen. Fanaroff schätzt, dabei würden ungefähr 250-mal mehr Daten fließen als zurzeit im weltweiten Internetverkehr. »Dieses Unternehmen eröffnet Afrika enorme Chancen.« Es werde die Wissenschaftskultur auf dem Kontinent revolutionieren und die Art und Weise verändern, wie die Menschheit über sich denke.