Dom bleibt Dom, egal, ob in Salzburg oder eben jetzt in Worms: Wer unter freiem Himmel vor einer so erdrückenden Kulisse spielt, muss XXL-Theater machen! Nur mit starken Posen kann er sich gegen Architektur zur Wehr setzen – und gegen das Publikum, das auch auf den hinteren Rängen der beängstigend aufragenden Tribüne bedient werden will. Billig sind die Karten ja auch bei den Nibelungenfestspielen nicht, wo den Spielern als robuste Gegenleistung nun der Historiensaft aus allen Poren quillt. Schwitzend kämpfen sie um Gehör, selbst dann noch, wenn Diskretion erwünscht wäre. "Kotzdonner, was für ein Weib! Ich wette, heut Abend knallt’s!", tönt der württembergische Herzog Karl Alexander (Jürgen Tarrach), der vorm Knallen gerne auf fremde Kuppeldienste zurückgreift. "Verschaff mir dieses Mädchen!", befiehlt er dem Finanzberater Joseph Süß Oppenheimer.

Kriegt der Herzog das Mädchen? Mit dieser Cliffhanger-Frage gehen wir in die Pause und wandeln durch den Park, wo die Barockparty nahtlos fortgesetzt wird. Das Wormser Festival feiert, es wird zehn Jahre alt und lässt sich prunkvoll hochleben. Partyzelte, Wasserspiele, Kerzen und Fackeln: Ein hedonistisches Heerlager begrüßt die Premierengäste, die spätestens am nicht enden wollenden Büfett verstehen, wie damals in Stuttgart gefeiert wurde. In absolutistischer Lust nimmt sich der Herzog das Mädchen, er vergewaltigt die Jungfer – mit stumm verzweifelter Duldung seines Beraters, der unter dem Schmähnamen Jud Süß in die Geschichte eingegangen ist. So war das in Stuttgart. War das so?

Jedenfalls verabschiedet sich Dieter Wedel, der Intendant und Regisseur der Festspiele, im Jubiläumsjahr zum ersten Mal vom Nibelungenstoff. Treu bleibt er seiner Mission und seinen Methoden trotzdem, wenn er die gemeinsam mit Joshua Sobol verfasste Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer inszeniert. Wieder entnazifiziert er einen deutschen Mythos, wieder verschraubt er literarische Vorlagen (von Lion Feuchtwanger und Paul Kornfeld), wieder behilft er sich mit erprobter TV-Dramaturgie. Vom Fernsehen kommen auch seine Spieler, allen voran der in Samt und Seide gekleidete Top-Performer Rufus Beck. Sein Joseph Süß Oppenheimer ist ein aufgeklärter Politikmanager, der den Hof evaluiert und den Staatshaushalt saniert, nachhaltig und sozial ausgeglichen, ein Mann mit Stil, der umstandslos als Berater der grün-roten Regierung in Stuttgart anheuern könnte – wären nicht die Frauengeschichten, denen auch Wedels gesteigertes Interesse gilt. Die hochgeschnürten Busen fliegen Herrn Süß nur so zu. Sex und Politik im Schatten des Doms. Strauss-Kahn ist ein Wicht dagegen. Kotzdonner!