Innerhalb weniger Wochen hat der Arabische Frühling die Welt rund um das Mittelmeer verändert. In Tunis und Kairo wurden die Regime hinweggefegt, in Libyen und im Jemen scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, und in Syrien wächst der Druck ; selbst die vergleichsweise liberalen Monarchien in Marokko und Jordanien sehen sich zu demokratischen Zugeständnissen genötigt. Seitdem verfolgt die ganze Welt die Ereignisse mit großer Aufmerksamkeit, mittlerweile auch mit Sorge, denn noch ist offen, wie das Ringen um die neue Freiheit ausgehen wird.

Da will es ein bizarrer historischer Zufall, dass vor genau 100 Jahren die Regierenden und Wirtschaftskreise der europäischen Mächte schon einmal gebannt auf Nordafrika blickten. Allerdings aus ganz anderem Anlass. Denn damals, in der Endphase der Kolonisierung, ging es um die Verteilung des in Auflösung begriffenen Osmanischen Reiches. Algerien war lang schon in der Hand Frankreichs, 1881 wurde auch Tunesien französisches Protektorat; Ägypten stand unter britischer Kontrolle, und Libyen beanspruchten seit 1911 die Italiener für sich.

Unabhängig geblieben – weder Istanbul tributpflichtig, noch Europa unterworfen – war allein das Sultanat Marokko. Doch seit der Kolonisierung Algeriens durch Frankreich geriet auch Marokko unter Druck. Gegen Ende des Jahrhunderts begann dort ein erbitterter Kampf zwischen deutschen und französischen Rüstungskonzernen. Beide wollten sich die reichen Erzvorkommen des Landes und den profitablen Waffenhandel sichern. Dabei war es den Franzosen gelungen, sich durch ein geheimes Abkommen mit den Briten im Jahr 1904 und durch die Beschlüsse der Konferenz von Algeciras 1906 entscheidende Vorteile gegenüber ihren deutschen Konkurrenten zu verschaffen. Im Mai 1911 besetzten französische Truppen die marokkanische Hauptstadt Fez. Es sah ganz so aus, als würde das Reich bei der Aufteilung der Reichtümer des Sultanats leer ausgehen.

Da tauchte am 1. Juli 1911 vor dem Hafen Agadir urplötzlich das deutsche Kanonenboot Panther auf. Agadir war ein verschlafenes Städtchen an der Atlantikküste, außerhalb Marokkos kaum bekannt. Einige Tage nach dem Panther , in der Nacht zum 5. Juli, erschien dort ein weiteres deutsches Schiff: der Kreuzer Berlin . Von diesem Zeitpunkt an lag monatelang mindestens ein deutsches Kriegsschiff vor Agadir.

Just am 1. Juli übergaben deutsche Diplomaten in Paris, London und anderen Hauptstädten eine gleichlautende Note, ein "Aidemémoire". Darin hieß es, deutsche Firmen in Agadir und Umgebung seien durch Volksaufstände beunruhigt und hätten deshalb die Reichsregierung um Schutz gebeten. Die Note, das erkannte man in Paris und London sogleich, wies einen argen Schönheitsfehler auf: In und um Agadir gab es überhaupt keine deutschen Firmen. Agadir war nämlich ein sogenannter "geschlossener" Hafen, das heißt, jeglicher Handel sowie der Kauf und Verkauf von Grundstücken dort waren Ausländern verboten.

Die deutsche Seite hatte sich jedoch bemüht, dieses Manko zu beseitigen. Im Auftrag des Auswärtigen Amtes beschaffte ein gewisser Wilhelm Regendanz, Geschäftsführer der Hamburg-Marokko-Gesellschaft blanko (!) die Unterschriften einiger Hamburger Bankiers und Kaufleute. Im Auswärtigen Amt formulierte man einen "Hilferuf" deutscher Firmen, die im Marokkogeschäft tätig waren, und versah ihn mit den zuvor eingesammelten Unterschriften. Es wurde auch ein leibhaftiger "bedrohter" Deutscher präsentiert. Der Bergbauassessor Hermann Wilberg reiste im Auftrag des Auswärtigen Amtes von Mogador nach Agadir, wo er allerdings erst am 4. Juli eintraf.