Familie Guo steht in diesem gottverlassenen Weiler, als habe sie soeben ein Ufo hier ausgespuckt. Ein Dorf in Lehmfarben und Sandgelb, wunderschön, vergessen in der Zeit, umspült von einem Meer aus kargen Lehmschluchten. Irgendwer hat das Zeichen für Liebe in eine Wand gekratzt, wahrscheinlich bevor er für immer wegzog, um sie zu suchen. Hier lebt die Stille neben 100 Seelen, hier kam der Fortschritt nie vorbei.

Der Enkel springt als Erster aus dem SUV. In Schlappen und Markenjogginganzug tastet er sich über lehmige Erde, das Louis-Vuitton-Täschchen fest in der Hand. Das hier ist sein Land und doch unbekanntes Terrain. Dörfler sehen ihm nach, verzücktes Erstaunen in den Gesichtern. Was für eine Leibesfülle, welch prächtiger Bauch! An seiner Seite tänzelt seine Freundin, bunt wie ein exotischer Schmetterling, halb durchsichtige Leggins zu türkisblauen Fingernägeln. »Habt ihr das gesehen?«, flüstert der Onkel. »Die Käfer und Würmer unter dem Donnerbalken gleich neben dem Schwein? Meine Güte, eine lebende Toilette!«

Großvater Guo Sheng führt den Trupp an, er kennt den Weg genau. In 90 Jahren hat sich hier fast nichts verändert – außer dass die Jungen weg sind und das Neue alt wurde. Guo Sheng, der Elegante, hat sich für diesen Tag besonders schick gemacht, weithin leuchtet sein kornblumenblaues Hemd. Die Jahre scheinen von ihm abzufallen, die Jugend kehrt in sein Gesicht zurück. »Seht dahinten, meine Schule! Und hier, in diesem Haus wurde ich geboren.« Die Guos steuern auf das größte und schönste Haus am Platze zu. Längst wohnen hier andere, eine Bäuerin walkt stoisch Nudelteig auf einem Brett, während die Guos über das Grundstück schwärmen wie aufgeregte Spatzen.

Die Macht versteckt sich, hinter Parolen und blassen Funktionären

Guo Sheng ist in sein Heimatdorf Meihuaitou in der Provinz Shanxi zurückgekehrt, nach 21 Jahren. Wahrscheinlich wird es seine letzte Reise hierher sein, seine ganze Familie begleitet ihn. Die Reise ist eine logistische Großveranstaltung. In Chengdu, Provinz Sichuan, sind wir ins Flugzeug gestiegen, auf jedem Stopp haben sich weitere Familienmitglieder zu uns gesellt. Inzwischen sind wir sechzehn, einige sind aus den USA, andere aus Schweden angereist. Die Guos sind ein chinesisches Panoptikum, der Jüngste ist 19, der Älteste knapp 90. »Ich bin«, sagt Guo, »zwei Wochen jünger als die Kommunistische Partei Chinas« (KPCh), die am 1. Juli mit großem Pomp den 90. Jahrestag ihrer Gründung feiert.

Es ist nicht erstaunlich, dass Guo in dieser Zeitrechnung denkt, war doch sein Schicksal mit dem der Partei immer aufs Engste verwoben. Die Partei hat jeden Einzelnen der Guos geprägt. Seit 1949 ist sie an der Macht, länger als jede andere Partei der Welt. Wer sie verstehen will, muss begreifen, woher sie kommt. An der Familie der Guos lässt sich die Geschichte der Partei ablesen wie an den Jahresringen eines mächtigen Baumstumpfs. Und die Partei, das werden wir auf dieser Reise lernen, ist für jeden von ihnen etwas anderes.

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Die mächtigste politische Organisation der Erde wird selten beschrieben, und genau so will sie es auch: Sie versteckt sich. Hinter schwer verständlichen Slogans und einem politischen Personal, das in seiner Eigenschaftslosigkeit ungreifbar erscheint. Wer etwa ist der Präsident Hu Jintao? Die Parteipropagandisten sind sorgfältig darauf bedacht, sein Bild von allen besonderen Merkmalen zu reinigen. Kinder- und Jugendfotos wurden aus dem Verkehr gezogen, der Tante, die ihn aufzog und früher bisweilen Anekdotisches erzählte, hat man einen Maulkorb erteilt.

Und doch steht die Partei hinter allem in China. 80 Millionen Mitglieder hat sie, meldet sie soeben, so viele, wie Deutschland Einwohner hat. Sie durchdringt den Staat auf allen Ebenen – Wirtschaft, Religion, Rechtssystem, Zivilgesellschaft, Politik, Armee. Die chinesische Armee ist keine Nationalarmee, sie untersteht allein der Partei: 90.000 Parteibüros wachen über die 2,3 Millionen Soldaten. Es ist schwer zu sagen, in welchem Maße die Partei das Wirtschaftsleben durchdringt, sie ist bedacht darauf, ihre Spuren zu verwischen. Nur eines ist gewiss: Chinas Wirtschaft ist eine politische. In jedem der etwa 50 größten Staatsunternehmen steht ein rotes Telefon mit einer vierstelligen Nummer, Teil eines Netzes, durch das allein die höchsten Funktionäre verbunden sind. Wer eines bekommt, weiß, dass er aufgenommen ist in jenen exklusiven Club von 300 Mitgliedern, die ein Fünftel der Menschheit regieren.