Der Professor aus Heidelberg ist wieder da. Paul Kirchhof , ehemaliger Verfassungsrichter, ehemaliger Berater von Angela Merkel und im Bundestagswahlkampf 2005 gescheiterter Verfechter eine radikalen Steuerreform . Jahrelang ist es still gewesen um ihn, doch aufgegeben hat Kirchhof nicht. Im Gegenteil: Er nutzte die Zeit, um seine Ideen weiter auszuarbeiten. An diesem Montagabend im Schlosshotel Karlsruhe liegt das Ergebnis vor ihm auf dem Tisch. Druckfrisch, in beiges Leinen gebunden, ein Bundessteuergesetzbuch. Das Lebenswerk von Paul Kirchhof.

Mit zwei Händen hebt der 68-Jährige das Buch hoch: Es hat 1.286 Seiten, wiegt mehr als zwei Kilo, und doch ist es kompakt – gemessen an den Bänden, die das Steuerrecht gegenwärtig füllt. Es enthält 146 Paragrafen statt 33.000, vier Bundessteuern statt 32, eine statt sieben Einkommensarten. "Der Bürger kann die Steuererklärung heute nicht mehr ruhigen Gewissens mit seinem guten Namen unterzeichnen", sagt der hochgewachsene Mann mit den weißen Haaren. "Weil er sie nicht versteht." Es gebe zu viele Ausnahmen. Vermögende nutzten das aus, wer sich aber keinen Berater leisten könne, sei der Dumme. Damit will Kirchhof Schluss machen.

Nicht nur in Karlsruhe, auch in Berlin wird über die Steuern diskutiert. Aber während die politische Elite in der Hauptstadt darum streitet, ob die Steuern um ein paar Prozentpünktchen gesenkt werden sollen, präsentiert Kirchhof eine Reform, die keinen Stein auf dem anderen lässt. Während Berlin darüber nachdenkt, wie viele Stimmen eine Steuersenkung im Wahljahr 2013 beschert, verkündet Kirchhof stolz: "Dieser rechtspolitische Vorschlag ist in niemandes Auftrag in wissenschaftlicher Freiheit geschrieben worden." Größer könnte der Unterschied kaum sein. Hier taktisches Polit-Klein-Klein, dort der Wunsch nach einer Jahrhundertreform.

Gibt es eine Verbindung zwischen beiden Welten? In ihrem Koalitionsvertrag von 2009 versprachen Union und FDP noch, sie würden für "einfache, niedrige und gerechte Steuern" sorgen. Sie wollten "mehr Netto vom Brutto" ermöglichen. Von all dem ist nicht viel geblieben. Stattdessen stiegen die Staatsschulden auf Rekordhöhe. Und viele Bürger fragen sich nun: Gibt es überhaupt Spielraum für eine Steuerreform ?

Wenn es nach Paul Kirchhof geht, ist das kein Problem. Er will die Steuern gar nicht senken, auch wenn das auf den ersten Blick so aussieht. Künftig sollen alle nur noch 25 Prozent Einkommensteuer zahlen, egal, wie viel sie verdienen. Bei den mittleren Einkommen und im Spitzenbereich wäre das eine deutliche Verringerung – heute sind dort Sätze bis zu 45 Prozent fällig; und für ganz geringe Einkommen plant Kirchhof zusätzliche Abschläge. Dennoch soll der Fiskus so viel einnehmen wie heute. Das sei möglich, erklärt Kirchhof, weil im Gegenzug nahezu sämtliche Vergünstigungen gestrichen würden. Die Pendlerpauschale gäbe es nicht mehr, keine Steuerfreiheit für Nachtzuschläge und keine Sonderregeln für Schiffsbeteiligungen. Ähnlich radikal will er auch Umsatz-, Erbschafts- und Verbrauchssteuern umbauen. "Dabei bleibt das Steueraufkommen gleich", verspricht Kirchhof, "wir haben das durchgerechnet."

Dagegen nehmen sich die Pläne der Koalitionäre kleinkariert aus. FDP-Chef Philipp Rösler drängt auf Steuersenkungen. Die Koalition stritt in den vergangenen Tagen über leichte Entlastungen bei der Einkommensteuer, dann wurde die Entscheidung auf den Herbst vertagt. Die Kritiker verlangen, zuallererst die Staatsschulden zu verringern. Thiess Büttner, Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg, warnt sogar: "Wir sollten nicht einer Ideologie der Steuersenkungen verfallen, wie sie in den USA kultiviert wird."

Allerdings halten viele Experten, auch Büttner, eine eng begrenzte Steuererleichterung für machbar – oder sogar eine echte Reform. Nämlich dann, wenn sie dazu dient, die sogenannte kalte Progression auszugleichen. Die ist für viele Bürger schwer durchschaubar und gerade deshalb für die Politik nützlich. Man muss sich das wie bei einem Supermarkt vorstellen, der seine Preise in einem Monat heimlich heraufsetzt, um sie im nächsten Monat mit großem Wirbel wieder zu senken: "Jetzt alles billiger!" Verbraucher würden das zu Recht als Schwindel empfinden – in der Steuerpolitik ist es gang und gäbe. Dank der kalten Progression.