Die Nacht kommt schnell in Äquatorialafrika, und sie kommt als ersehnte Gnade. Langsam legt sich der rote Staub des Tages, die sengende Hitze verglüht. Männer und Frauen und ihre nackten Kleinkinder, nichts als bunte Perlenschnüre um den Bauch, sammeln sich vor den traditionellen Rundhütten aus umbrafarbenem Lehm, Abendessen unter freiem Himmel werden gekocht. Die Bettelarmen kriechen in ihre windschiefen Hütten aus Plastik, Blech und Stroh.

Ein Mädchen, keine zehn Jahre alt, holt Wasser. Wie eine Erscheinung schält es sich aus dem Staub heraus, der Juba tagsüber in ein vages Licht hüllt, als sei es nicht sicher, was das eigentlich ist, Juba. Ein afrikanisches Hüttendorf? Ein Ufo, eben hier gelandet? Halb fertige Hightech-Ministerien, die Heerscharen unfassbar vieler Hilfsorganisationen – sie alle umarmt der rote Staub, aufgewirbelt von klimatisierten Regierungsfahrzeugen und offenen Pritschenwagen voller Soldaten, manche mit aufgepflanztem Maschinengewehr, von der weißen Toyota-Flotte der UN und den Fernlastern aus Kenia und Uganda, die den Südsudan mit all jenen Gütern versorgen, die das kriegswunde Land selbst nicht herzustellen vermag.

Vom 9. Juli 2011 an ist Juba die Hauptstadt des freien Südsudan , des jüngsten Staates der Erde, im toten Winkel Ostafrikas zwischen Äthiopien und Kongo, mit rund sechs Millionen Einwohnern. Ein zersplittertes Land , die größten seiner rivalisierenden Stämme sind die Dinka, die Nuer, die Schilluk. Ein Land, schwarz und christlich, dessen jahrzehntelanger Krieg mit dem arabisch-islamischen Norden 2005 mit einem Friedensabkommen endete, das seither oft blutig gebrochen wurde.

Das Mädchen geht zur offenen Plastiktonne am Straßenrand. Tankwagen füllen sie regelmäßig mit Frischwasser, eine amerikanische Hilfsorganisation hat hierfür Brunnen gebohrt und die ambulante Tankerversorgung organisiert. Das Kind schöpft von dem Wasser, trägt es in einem roten Plastikkrug auf dem Kopf die Böschung hinab zur Familie, die sich draußen vor ihrer Strohhütte den roten Staub von den Körpern wäscht.

Wer böse Bilder sammeln will, findet reiche Beute in Juba. Spaliere kokelnder Endmoränen der Plastikzivilisation, kniehoch säumt Plastikmüll die ungeteerte Piste, nur wenige zentrale Straßen Jubas sind geteert. Immer wieder begießt jemand das Plastik auf ganzer Länge mit Benzin und steckt es an. Schwarze, giftige Schwaden hüllen Autos und Menschen ein. Darüber recken sich wuchtige Reklamemasten gen Himmel.

"My car is my life", verkündet eine. Ein zarter Hinweis an den afrikanischen Mann: Die alte Äquatorialzeit endet, deine heroische Zeit. War es doch so (und ist draußen im Land noch immer so, die vielen blutigen Viehraube beweisen es), dass für den südsudanesischen Mann, einen Mann vom Stamm der Dinka, der Nuer oder der Murle, ein ganz anderes Credo galt: Mein Vieh ist mein Leben. Meinen Lieblingsbullen würde ich jederzeit mit meinem Leben verteidigen. Nun also das Auto.

Eine andere Reklame zielt auf die rund siebzig Prozent Analphabeten des Landes: "If you can’t text your message, speak it. Speak your SMS!" Wenn ihr eure SMS nicht eintippen könnt, sprecht sie ins Mobiltelefon.

Juba, was ist das?

Ein Chaos aus Staub, Müll, Hoffnung, aus bitterster Armut und schnellem Reichtum – das Wunder der jüngsten, unwahrscheinlichsten Staatsgründung der Welt. "Wir bauen eine Nation aus dem Nichts, aus Müll", sagt Angong Dhol, eine junge Südsudanesin, die in Potsdam studiert und daran denkt, aus dem langen Exil heimzukehren. Wir treffen sie im Notos, einer Bar unter Bäumen, die allabendlich zum internationalen Helfer-Kasino wird. "Der beste Ort in Juba", versichert uns eine junge UN-Dame vom Nebentisch. "Besser wird’s nicht. So europäisch hier."

Die UN – fragt man die Leute danach, ist die Antwort ungefähr diese: Wo sie Brunnen bohren, helfen, konkret etwas tun, sind all die Helfer willkommen. Wo sie sich mit sich selbst beschäftigen in ihren vielen klimatisierten Compounds und Toyotas und dabei gut verdienen – nun ja.

Wir besuchen den neuesten UN-Compound außerhalb Jubas. Die Unmis, die Friedenstruppe der UN, zieht dort ein, nachdem der Norden sie vor die Tür gesetzt hat. Jürgen Maresch kannte Afrika seit Langem, er ist der Chef des Technischen Hilfswerks (THW) vor Ort. Er führt uns über die riesige Baustelle. Rund 250 Häuser für 400 bis 500 UN-Leute entstehen, dazu ein eigenes Krankenhaus, ein Generatorenhaus, Bürohäuser, ein Hubschrauberlandeplatz, ein Gemeinschaftshaus, Brunnen, eine Telekommunikationsstation. Der Stab der Unmis wird hier sitzen, die Truppe selbst ist draußen im Land stationiert. "Irgendwann werden wir das alles den Südsudanesen übergeben", sagt Maresch. "All die Häuser mit allem Drum und Dran." Wann das sein wird, kann er nicht voraussagen. Die UN-Präsenz hier ist eine langfristige.

Was tun er und seine Leute am 9. Juli, dem Tag der Unabhängigkeit? "Wir haben Anweisung, im Compound zu bleiben. Am Donnerstag ist letzter Arbeitstag. Samstag ist der Neunte. Am Montag, wenn alles ruhig ist, geht die Arbeit weiter."