Ins freie Syrien? "Nehmen Sie den Schmugglerpfad durchs Tal", empfiehlt einer in diesem türkischen Dorf. Abschüssig ist der Weg, voll glühender Felsbrocken, Disteln und alter Schuhe, die hier ihren Dienst versagten. Dort, gleich hinter Bach und Stacheldraht, soll das andere Syrien liegen: ein etwa ein Kilometer breiter Streifen entlang der Grenze, in den sich die syrische Armee nicht vorwagen würde. So wenigstens hofften die verfolgten Syrer, die in diesem Tal Zuflucht vor den Soldaten suchten . Hier wucherten wilde Zeltlager, spielten Kinder am Bach, wurde abends sogar zaghaft gelacht. Über den steinigen Trampelpfad, darf man annehmen, brachten Bewohner aus dem türkischen Güveççi den Flüchtlingen Lebensmittel und Medikamente. Bis zu diesem heißen Vormittag.

Türkische Soldaten versperren den Weg. Die Gewehre sind entsichert, Panzerwagen aufgefahren. "Zurück!", bedeutet ein Offizier mit fuchtelnden Armen. Soldaten, Flüchtlingen, Helfern steht der Schreck im Gesicht. Auf der anderen Seite des Stacheldrahts nämlich stehen plötzlich auch Militärfahrzeuge – syrische. Scharfschützen beziehen Stellung auf einem Beobachtungsturm, hissen die syrische Flagge. Ein Schuss, und die Sache könnte eskalieren. Türkische und syrische Soldaten stehen einander gegenüber, einen Handgranatenwurf voneinander entfernt.

Ein Schock für alle in dieser malerischen Hügellandschaft aus Olivenbäumen und Schmugglerhöfen. Die Türken lupfen den Stacheldraht, lassen die syrischen Flüchtlinge herein und transportieren sie mit Bussen in vorbereitete Lager der Hilfsorganisation Roter Halbmond. Das befreite Syrien existiert nicht mehr, die freien Syrer leben nun in türkischen Auffanglagern. Und in diesem Dorf am letzten Berghang vor der Grenze. Bisher schmuggelten die Bewohner Elektrogeräte nach Syrien und brachten Zucker und Zigaretten zurück. Jetzt ist Güveççi ein Stützpunkt der Auflehnung gegen Baschar al-Assad, den Herrscher in Damaskus. Aber wie leistet man aus dem Kuhstall Widerstand gegen eine Diktatur?

Scharfschützen auf den Dächern essen, lachen, trinken und schießen

Mohammed Fisu streicht seiner vierjährigen Tochter über den Kopf, bevor er in den Wagen einsteigt. Fisu hat seine Frau, die Tochter und den anderthalbjährigen Sohn in einem Nachbarweiler von Güveççi untergebracht. "Bei Freunden", sagt er. Die junge Familie ist vor wenigen Tagen aus Dschisr al-Schughur gekommen. Diese nordsyrische Stadt hatte Baschar al-Assads Armee im Juni erobert . Dabei sollen Soldaten gegen Soldaten gekämpft, Helikopter auf Zivilisten geschossen haben. Dutzende starben, manche sagen sogar, es waren Hunderte. Mohammed Fisu sagt, er sei am letzten Tag vor dem Einmarsch geflohen. Nachbarn schickten ihm eine Nachricht, die Militärpolizei sei mit automatischen Pistolen im Anschlag in seine Wohnung eingedrungen. Fisu ist nicht sehr groß, ein schlanker, drahtiger Typ mit scharfen Gesichtszügen, grauem Hemd und schwarzen Jeans. Er sucht ein schattiges Plätzchen und setzt sich auf den Mauervorsprung eines alten Hauses. Von hier hat er die Berge Syriens im Blick.

In seinem Heimatland, erzählt er, habe er in den vergangenen Jahren die Gefängnisse öfter gesehen als das Wohnzimmer daheim. Das erste Mal sei der 31-jährige Ingenieur verhaftet worden, weil er sich in seiner Baufirma über Korruption beklagt habe. Danach hätten sie ihn in den Knast gesteckt, weil er in Dschisr al-Schughur nach Pluralismus und Meinungsfreiheit gefragt habe, "Konspiration mit westlichen Mächten" habe die Anklage gelautet. Im März sei er eingesperrt worden, weil er auf seiner Facebook-Seite zu einer Demonstration aufgerufen habe. Er kam, sagt er, in ein Geheimdienstgefängnis in Damaskus. "Dort sah ich die Kinder aus Daraa." Das ist jene Stadt im syrischen Süden, wo im März die Aufstände gegen das Regime begannen. "Die Kinder hatten Folterspuren im Gesicht und auf ihrem Rücken – tiefe braunrote Wunden."

Als sie ihn wieder freiließen, machte der Ingenieur das, was er für seine Berufung hält: Proteste organisieren, den Widerstand am Laufen halten. Erst im syrischen Dschisr al-Schughur, seit einigen Tagen aus dem türkischen Güveççi. Fisu gehört zum Organisationskomitee des syrischen Aufstands, mit den anderen Aktivisten ist er über sein Mobiltelefon und seinen Laptop ständig verbunden. Die Nummer kennen viele. Jetzt gerade ruft ein Mitarbeiter des arabischen Nachrichtensenders al-Dschasira an. Fisu erzählt vom Ende des freien Grenzstreifens in Syrien, von den syrischen Soldaten wenige Meter vor dem Stacheldraht, von der Verhaftung alter Leute und eines zehnjährigen Jungen. Als das Gespräch beendet ist, lädt er einen Film auf seinem Laptop hoch. Er hat ihn gerade frisch aus Dschisr al-Schughur bekommen. Solche Aufnahmen werden auf USB-Sticks über die Grenze geschmuggelt. Der Clip zeigt Scharfschützen auf den Dächern der Stadt, wie sie essen, trinken, lachen, schießen. "Die Stadt ist praktisch unbewohnbar", sagt Fisu und klappt seinen Rechner zu.

Ganz Dschisr al-Schughur ist in die Türkei, nach Güveççi, gezogen . Dazu kamen Soldaten und Journalisten. Vor wenigen Wochen war es noch ein Großereignis, wenn der Esel ausriss. Jetzt parken hier Übertragungswagen, haben Reporter die Dächer besetzt, steht am Dorfrand das Medienzentrum des Widerstands. Untergebracht ist es im Häuschen einer Familie, die vom Grenzhandel und dem Vieh lebte. Zwischen Tomatenkisten, Schuhen und Schaufeln geht es ins Wohnzimmer. Auf Teppichen und dem langen Diwan sitzen Aktivisten mit Rechnern auf den Knien. Einer knipst sich durch die Satellitenprogramme des Fernsehers.