Als die Krankenschwester damals mit Odin in seine Praxis kam, wusste Jean-Claude Proy: Er wird bald ein gemachter Mann sein, denn der langfellige Jagdhund Odin, ein Deutsch-Drahthaar, war das geliebte Tier von Rainier, dem Fürsten von Monaco. Schon am folgenden Tag kamen vornehme Damen mit ihren Hündchen in Louis-Vuitton-Lätzchen und Katzen mit silberdurchzogenen Spielbällen in die Praxis. In Monaco, dem kleinen Fürstenstaat zwischen Frankreich und Norditalien, folgt das Volk seinem Souverän bis hinein in die Behandlungsräume der Veterinärklinik von Doktor Proy. "Ein Gruß des Prinzen ist mehr wert als Hunderte Werbeanzeigen", sagt Proy mit einem Lächeln.

Proy hat nach dem Besuch des fürstlichen Hundes vor vielen Jahren Karriere gemacht. Kurz nach dem Besuch von Odin eröffnete er eine Tierklinik in Nizza, die in den neunziger Jahren zur größten in ganz Frankreich wurde. Bei Radio Monaco moderierte er eine Hundesendung, in der Lokalzeitung schreibt er seine wöchentliche Kolumne, und er wohnt hoch auf den Bergen von Nizza in einer schmucken Villa. Noch heute, im Ruhestand, wird der schmale Mann auf den Straßen von Monaco begeistert gegrüßt. Als Tierdoktor des Fürsten ist er eine Berühmtheit.

Während die Wohlhabenden an der Mittelmeerküste nur selten ihr Frühstückscroissant selbst kaufen oder ihre privaten Fitnesstrainer selbst buchen, bringen sie ihre Tiere noch persönlich zum Arzt. Wahrscheinlich hat der freundliche Herr mit dem immer korrekten blauen Nadelstreifenanzug in seiner Praxis mehr über die in sich geschlossene Welt der Monegassen erfahren als die unzähligen Paparazzi-Fotografen, die in Monaco auf der Lauer liegen.

"Die Reichen und Mächtigen legen sich einen undurchdringlichen Panzer zu und verteidigen ihre Welt. Deshalb vergöttern sie die ahnungslosen Haustiere", sagt Proy.

Odin dreht immer noch dreimal täglich seine Runden im Garten des Fürstenpalastes, aber inzwischen regiert Fürst Albert II. den Staat. Nicht nur weil er eine Hundeallergie hat, bricht der 51-Jährige mit einigen Traditionen des Landes und seines Vaters. Wenn er am 1. und 2. Juli die südafrikanische Schwimmerin Charlene Wittstock heiratet, will er mit ihr auf einem Elektromobil durch den zwei Quadratkilometer kleinen Küstenstaat paradieren. Der Umweltschutz ist Alberts großes Thema, er hat eine Messe für Elektroautos nach Monaco geholt und kürzlich eine lang diskutierte Landerweiterung ins Meer hinaus aus ökologischen Gründen abgesagt. Albert möchte nahe am Volk sein – und ist bekannt dafür, die Nachtbars von Monaco umstandslos und ohne Leibgarde zu nutzen. Am ersten Tag der Hochzeit wird nun sein alter Freund Jean Michel Jarre am jachtbesetzten Hafen ein Gratiskonzert für die Fans des royalen Paares geben.

Monaco ist noch eine konstitutionelle Monarchie. Der Fürst führt das vierköpfige Kabinett; er ernennt die Minister und den Regierungspräsidenten. Das Bild des Fürsten hängt in jeder Bar und jedem Unterwäscheladen. Nie würde jemand ein schlechtes Wort über den Regenten verlieren. Schließlich ist der Lebensstandard hoch und das Netzwerk am Ort extrem wichtig. Der Hof hat seine Günstlinge; wer in Ungnade fällt, hat in Monaco kein leichtes Leben mehr. Letztlich entscheidet der Fürstenpalast, wer ein Geschäft eröffnen darf und wer seines schließen muss. Wer als Handwerker eine Projekterlaubnis erhält und wer nicht. Wer als Journalist auf den Straßen einen Film drehen darf und wer nicht. Als sich ein Kollege von Proy mit dem Palast überwarf, blieben über Nacht alle seine bürgerlichen Kunden aus.

Und doch ist Monaco attraktiv. Mehr als 500 Personen beantragen pro Jahr die monegassische Staatsbürgerschaft, sieben haben sie 2010 erhalten. Nur hier lassen sich Millionäre und Milliardäre in dreißigstöckige Betonburgen zwängen, um die Einkommensteuer zu sparen. So monströs, wie sich die Hochhäuser aneinanderreihen, so sauber ist das Leben in den Straßenschluchten zwischen ihnen. Hier liegen keine Kaugummis auf den Bürgersteigen, die Fassaden sind frisch gestrichen, und an wirklich jedem Kreisverkehr steht ein Polizist mit schneeweißen Handschuhen. 500 Beamte und 500 Videokameras wachen über Monaco und seine 35000 Einwohner, ein Vielfaches der Zahl von Schutzmännern in deutschen Städten mit gleicher Einwohnerzahl.