Nach einem Frühling wie diesem schenke der Herr den Seinen ein Sommerloch. Sie haben es sich verdient. Angesichts dessen, was passiert ist, wäre es nämlich eine Erholung, wenn einmal nichts passierte.

Die Folgen des japanischen Erdbebens waren nicht annähernd bearbeitet, da schwenkte der Fokus auf Fukushima. Die Folgen von Fukushima waren nicht annähernd bearbeitet, da schwenkte der Fokus auf Gadhafi. Die Bombardierung hielt an, die Rebellion wütete, der Umsturz verzögerte sich auf halber Strecke, andere Staaten der Region, Syrien allen voran, dann Jemen, bewegten sich in den Bürgerkrieg, da hatte der Spiegel schon die nächste bahnbrechende Titelgeschichte: Heilfasten! Und der Focus: Die Diät-Gesellschaft.

Darauf erlebte in Fukushima der Reaktor 2 eine Kernschmelze und dann der nächste die nächste. Wir waren der Wirklichkeit kaum mehr gewachsen, der Meltdown der Medien stand kurz bevor. Da war auch der Journalismus wieder bei den wirklich wichtigen Dingen angekommen: bei sich selbst.

Da soll ein Preisträger, eben noch auf dem roten Teppich des Nannen-Oscars, nicht selbst in Seehofers Keller gestiegen, sondern als Reporter an der Front des Hörensagens gestrauchelt, wenn nicht gefallen sein? Die anschließende Diskussion um den Unterschied von Reportage und Feature war so scholastisch wie irreführend , wo doch schon viel einfachere Unterscheidungen nicht mehr gelten, hatte man doch eben noch im Spiegel-Gespräch mit Bild-Chefredakteur Kai Diekmann bewiesen, dass man den Unterschied zwischen versuchtem Totschlag und vollzogenem Selbstmord nicht kannte. Fix und fertig machte der Bild-Chef den Spiegel-Firmling. Und wie steht es um die Trennung zwischen redaktionellem und Anzeigenteil, wenn Sankt Matussek im selben Organ das eigene, frisch herbeigefrömmelte Buch loben darf, in dem auch das Werbebanner für ebendies Buch flattert? Wer jagte noch mal die Wechsler aus dem Tempel? Er sollte bei der Gelegenheit auch Carsten Maschmeyer, der Gerhard Schröders Memoiren vermakelte, aus den Salons der Verfassungsorgane jagen und Herrn Kaiser aus Ungarns Bordellen.

Unterdessen dünnte sich die Ozonschicht in Rekordzeit aus, radioaktives Wasser ergoss sich in Rekordzeit ins Meer, das Gletschereis schmolz in Rekordzeit ab, und in Rekordzeit setzte die Regierung einen Vermittlungsausschuss ein, wenn nicht einen Runden Tisch, wenn nicht sogar die Höchststrafe: eine Ethikkommission, randvoll mit Ethik. Dann war erst einmal ethische Ruhe, und wir konnten uns dem wirklich wichtigen Thema zuwenden, das uns beschäftigte wie kein einziges anderes: der FDP, einer gigantischen Partei mit weniger als fünf Prozent Wählern, die dennoch die Medien umtreibt, als ginge es um Artenschutz für die Rest-Menschheit.

Die FDP ist gelebte Soap, sie schmust sich erst in den Bruch von Wahlversprechen, dann in den Energiewechsel, und die Nation hält über Tage den Atem an, so wahnsinnig spannend ist das. Was sind Fukushima und Gadhafi gegen das Untergangsröcheln einer Clique von Freiheits-Yuppies ? Guido geht, und nur neuntausend Leitartikel später ist es dann so weit: Der Berg hat gekreißt und einen Parteivorsitzenden geboren: Es ist ein Tamagotchi, das genug gefüttert und gestreichelt werden muss, damit es weiterlebt. Gelingt das nicht, drückt man Reset-Taste, und alles geht von vorne los. Ja, auch der FDP-Vorsitzende braucht viel Liebe, sonst hört er auf, "der nette Herr Rösler" zu sein, sagt der nette Herr Rösler und lässt sich von seiner Frau auf dem Podium küssen, Äonen länger als Kate und William, aber genauso lange wie in Bauer sucht Frau. Offenbar langweilen uns die Nachrichten, die unser Überleben betreffen, und es interessieren uns diejenigen, die das Überleben der FDP angehen.

Ja, dies Überleben ist eine Leistung, und "Leistung muss sich wieder lohnen", dachte sich auch das FDP-Poster-Girl Silvakuum Koch-Mehrin, die Schutzpatronin der akademischen Antimaterie und des europaparlamentarischen Müßiggangs, und leistete sich eine Plagiatsaffäre. Es lohnte sich für die Politik, denn sie exmatrikulierte sich aus fast allen Ämtern, bis auf das der Parlamentarierin. Das leistet sie sich, weil es sich lohnt.