Der spanische Mitarbeiter eines deutschen Industriekonzerns steckt seinem Geschäftspartner aus Aserbajdschan einen dicken Umschlag mit Dollarnoten zu, um den Zuschlag für ein großes Bauprojekt in der dortigen Hauptstadt Baku zu erhalten. Später wird der Konzern dafür von einem Richter in London zu einer Strafe von mehreren Millionen Pfund verurteilt und für die nächsten Jahre von sämtlichen öffentlichen Aufträgen in Großbritannien ausgeschlossen.

Korrupt am Kaukasus, bestraft an der Themse? Klingt ziemlich seltsam. Ist es auch. Dürfte aber trotzdem schon bald Realität werden.

An diesem Freitag tritt in Großbritannien der Bribery Act in Kraft. Das neue Gesetz gegen Bestechung im Wirtschaftsleben soll aber nicht nur im Vereinigten Königreich gelten. "Die Briten gehen über das international übliche Maß an Korruptionsbekämpfung hinaus. Das wird die Verhaltensregeln im globalen Geschäftsverkehr verändern", sagt Finn Zeidler, Partner im Frankfurter Büro von Latham & Watkins, einer internationalen Wirtschaftskanzlei. Kurz gesagt: London macht ein Weltgesetz.

Geldbußen in unbegrenzter Höhe für Unternehmen. Topmanager, die nach London fliegen müssen, um sich dort gegen eine drohende Haftstrafe zu wehren. Eine ganze Reihe von Sanktionen können britische Richter künftig verhängen, wenn Mitarbeiter eines Konzerns irgendwo auf der Welt einen Geschäftspartner schmieren. Das allein ist ungewöhnlich streng. Noch ungewöhnlicher ist, dass nicht nur Briten oder britische Unternehmen verurteilt werden können. Die britische Justiz soll einen Verdachtsfall künftig schon dann an sich reißen können, wenn ein Unternehmen lediglich lockere Verbindungen zum Königreich unterhält: Wenn Mitarbeiter der Firma beispielsweise einen britischen Pass besitzen. Wenn ein Konzern, für den ein korrupter externer Berater arbeitet, eine Zweigstelle in London hat oder auch bloß regelmäßig mit britischen Firmen Geschäfte tätigt. Der Wirtschaftsberatung BDO zufolge dürfte der Bribery Act sogar dann gelten, "wenn ein deutsches Unternehmen in der Rechtsform einer britischen Limited geführt wird".

Das wäre besonders pikant. Denn bei deutschen Unternehmensgründern war die Rechtsform der Limited seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts sehr beliebt. Etliche Firmen mit dem Kürzel Ltd. wurden seitdem hierzulande errichtet, die britische Rechtsform galt als Alternative zur teuren und bürokratischen GmbH. Jetzt könnte sich der vermeintliche Vorteil ins Gegenteil verkehren, wenn die Firmenlenker künftig achtgeben müssen, den britischen Antikorruptionsvorschriften gerecht zu werden.

Und die sind anspruchsvoll. Gerät ein Unternehmen wegen eines kriminellen Mitarbeiters erst einmal ins Visier der britischen Strafverfolger, müssen die Manager nachweisen, dass sie in der Vergangenheit ernsthaft versucht haben, Korruption in ihrem Unternehmen zu verhindern. Ein bloßer Ehrenkodex oder Verhaltensrichtlinien dürften nicht mehr ausreichen, um Firma oder Führungskräfte vor einem Strafurteil zu schützen.

In Sachen Korruptionsbekämpfung haben die Briten einiges nachzuholen. Die bisherigen Vorschriften stammen noch aus den Jahren zwischen 1889 und 1916, hat Transparency International herausgefunden. Die Nichtregierungsorganisation hat sich dem weltweiten Kampf gegen Wirtschaftskriminalität verschrieben. Skandale gab es in der Vergangenheit auf der Insel genügend: Gegen den nationalen Rüstungskonzern BAE Systems und seinen Vorgänger British Aerospace wurde mehrfach wegen Korruption im Zusammenhang mit Waffengeschäften ermittelt. Bekannt wurde vor allem der Al-Yamamah-Deal aus den Achtzigern, bei dem zahlreiche Kampfflugzeuge nach Saudi-Arabien geliefert wurden. Aber auch bei späteren Geschäften mit Tansania und Ungarn wurden dem Konzern unsaubere Methoden vorgehalten.

Mit ihrem neuen Gesetz wollen die Briten neue Standards setzen. Sie kommen damit einer Selbstverpflichtung nach, die alle Mitgliedsländer der OECD 1997 beschlossen haben. Darüber hinaus weist das Gesetz auch auf einen neuen globalen Wettbewerb nationaler Rechtssysteme hin. "Hinter dem Bribery Act steht ein gewisser Missionierungsgedanke", sagt Anwalt Zeidler. Wie schon zuvor die Amerikaner und einige andere Länder versuchen nun auch die Briten, ihre Vorstellung von fairem Verhalten zum Maß der Dinge zu erklären – gehen dabei allerdings deutlich weiter als andere. Schnell geraten global agierende Konzerne in ein juristisches Dilemma. Es kann passieren, dass Verhaltensweisen von einem Land weltweit vorgeschrieben, von einem anderen aber weltweit untersagt werden. "Viele Staaten haben schon Antikorruptionsregeln mit globalem Anspruch erlassen. International tätige Unternehmen müssen sich mittlerweile an eine Vielzahl von teilweise widersprüchlichen Regeln halten", sagt Zeidler. "So werden beispielsweise Whistleblower-Hotlines in den USA erwartet, nach französischem Recht aber sind sie problematisch." Mit solchen Hotlines sind interne Telefonnummern gemeint, die Mitarbeiter anonym anrufen können, um Fehlverhalten von Kollegen zu melden. Manche werten das allerdings als Denunziation. Und auch bei der Frage, inwieweit Telefongespräche und E-Mails der eigenen Belegschaft dokumentiert werden dürfen – oder sogar müssen –, gehen die Vorstellungen einzelner Staaten auseinander.

Nach Ansicht von Kritikern ist der Bribery Act gleichwohl inkonsequent. Chandrashekhar Krishnan, Direktor des britischen Büros von Transparency International, kritisierte im Frühjahr, dass ausländische Unternehmen zwar grundsätzlich dem Gesetz unterlägen – aber es nicht ausreiche, wenn die eigenen Aktien an der Londoner Börse gehandelt würden. "Das wird alle ehrlichen Firmen benachteiligen", sagte Krishnan, "und konterkariert das Bekenntnis der Regierung, durch den überterritorialen Anspruch einheitliche Spielregeln zu schaffen."