In diesen Tagen geht ein Experiment zu Ende. Ein Demokratie-Experiment. Es war im Herbst mit hohen Erwartungen gestartet, als Heiner Geißler alle an einen Tisch holte. 5,6 Millionen Zuschauer verfolgten die Stuttgarter Schlichtung zum geplanten Tiefbahnhof live im Fernsehen. Das Experiment war ein Stück Bürgerbeteiligung im Nachhinein. Neun Monate später ist es gescheitert . Und doch hat es das Land zum Guten verändert.

Wenn Geißler die Ergebnisse des Stresstests der Öffentlichkeit vorstellt, wird er Hoffnungen enttäuschen. Die erste Hoffnung hieß: Klarheit. Am Ende der Computersimulationen sollte ein Bahnhof stehen, der besser ist als der alte, oder einer, der so viel kostet, dass er gar nicht erst gebaut wird. Jede Seite hoffte auf das ihr genehme Ergebnis. Nun zeichnet sich ab: Stuttgart 21 wird den Test wohl bestehen. Wahrscheinlich wird das Projekt dennoch zu teuer. So viel zur Klarheit.

Die zweite Hoffnung, die sich aus der ersten ergibt, hieß: Akzeptanz. Beide Seiten würden das Urteil anerkennen, in Stuttgart würde endlich Normalität einkehren. In Wahrheit geht noch immer ein tiefer Graben durch die Stadt.

Die Gegner werfen der Bahn vor, die Grundlagen ihrer Berechnungen nicht transparent zu machen. Die Bahn wiederum greift unabhängigen Gutachtern vor und lässt durchsickern, man habe den Test locker bestanden . Am Tag nach der Präsentation will sie zwei Großaufträge vergeben, die das Projekt praktisch unumkehrbar machen. Der Spiegel berichtet nun, der Konzern habe seine Kalkulation für den Prestigebau womöglich jahrelang geschönt. Das Misstrauen wächst.

Natürlich hat die Schlichtung in Stuttgart etwas bewirkt. Sie hat den Konflikt zivilisiert. Geißler sorgte dafür, dass es beim Bahnhofsstreit wieder um die Sache ging, um die großen Fragen und die kleinen Details. Dass Gegner und Befürworter miteinander redeten, anstatt sich gegenseitig zu beschimpfen. Nach jenem "schwarzen Donnerstag" im September, als die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Demonstranten vorging, kehrte in der Stadt Frieden ein.

Nur war er nicht von Dauer. Auch Geißler konnte den Konflikt nicht lösen, er hat ihn bloß auf einen späteren Zeitpunkt vertagt. Dieser Zeitpunkt ist jetzt, und auch diesmal wird es keine Einigung geben. Zwischen Bauen und Nichtbauen eines Bahnhofs gibt es keinen Kompromiss. Geißler hat deshalb auch nicht geschlichtet, sondern moderiert.

Das Geißlersche Modell musste noch aus einem anderen Grund scheitern: Es kam für Stuttgart zu spät. Eine nachträgliche Bürgerbeteiligung stößt an ihre Grenzen bei einem Projekt, das alle demokratischen Instanzen durchlaufen hat und sich auf rechtskräftige Verträge stützt.