Kaiser. In Österreich birgt dieser Begriff meist noch immer matten Goldschimmer. Ein Nachsommerwort, dem heute kaum mehr historische Bedeutung anhaftet. Strahlende, aber nicht zu heiße Schönwettertage werden bekanntlich von diesem Prädikat ebenso geadelt wie flaumige Mehlspeisen und überhaupt alles, in dem man das Besondere zu entdecken glaubt. Es ist das Synonym für den Sehnsuchtsseufzer, sich aus der Zeit stehlen zu können in das Reich der kauzigen Anekdoten, in dem die Urgroßmütter ein mildes Regiment führten und der liebe Gott tatsächlich noch ein lieber Gott gewesen sein muss. Ein himmlischer Habsburger eben.

Otto Habsburg , der ein zuvorkommender Herr war und vermutlich deshalb den monarchistischen Unfug duldete, ihn mit "kaiserliche Hoheit" zu titulieren, konnte unnachahmlich aus diesen Verklärungsmärchen erzählen. Dann sagte er Sätze wie: "Mir sind die Galizier ganz nahe. Meine Eltern haben immer mit besonderer Liebe von den Galiziern gesprochen... Meine Mutter hatte an ihrer Seite eine Frau Wassermann, geborene Blätterfeind. Grandiose Leute. Es hat sogar in Israel Erstaunen hervorgerufen, als ich sagte, dass der erste Soldat, der im Ersten Weltkrieg fiel, der Jude Jakob Dukatenzähler war, ein Unteroffizier meines Vaters." Verliert da nicht selbst der Heldentod an einem gottverlassenen galizischen Frontabschnitt seinen Schrecken?

Otto Habsburg wurde mitten in die Katastrophe hineingeboren. Seine Biografie spiegelt ein Jahrhundert, das erst am Ende seines langen Lebens zur Ruhe kam, zu einer trügerischen Ruhe womöglich. Er nomadisierte lange durch die Welt, war an den Brennpunkten der Geschehens anzutreffen, fühlte sich dazu berufen, in die Weltgeschichte einzugreifen, und besaß doch wenig mehr an Einfluss, als ihm der Klang seines alten Namens zubilligte.

Aber das strenge Regime seiner Erziehung hatte in ihm den Glauben und die Überzeugung verankert, er sei von dem Allmächtigen dazu berufen und auch in eine heilige Pflicht genommen, all den Völkern seiner verlorenen Kronen weiterhin ein benevolenter Monarch zu sein, selbst dann, wenn diese kein Interesse daran zeigten. Das war der tiefere Sinn, wenn er zeit seines Lebens beteuerte, weder Monarchist noch Republikaner, sondern Legitimist zu sein. Er empfand sich im Besitz einer göttlichen Legitimation, die ihn nicht lediglich zum Herrscher bestimmt, sondern auch zu einem Kreuzzug aufgerufen hatte gegen die Gottlosigkeit in der Welt, mochte die nun eine nationalsozialistische, eine kommunistische oder eine materialistische Maske tragen. In der Politik, gestand er in einem Interview, das André Müller 1990 für die ZEIT geführt hatte, betrachte er sich "als Werkzeug Gottes". Und dieser Weltenlenker hatte ihn offensichtlich aus seiner kaiserlichen Berufung entlassen: "Wenn ich eine Schlacht zu Pferd nicht gewinnen kann, muss ich hinuntersteigen und zu Fuß weiterkämpfen. Ich muss versuchen, meine Ideen, die sich ja nicht geändert haben, dort zu vertreten, wo sie heute vertretbar sind."

Es dauerte Jahrzehnte, bis er zu dieser Einsicht gelangte. Ob sie auch in eine demokratische Gesinnung mündete, ist hingegen ungewiss. Stets gab er ausweichende Antworten. Ein Monarch, das beteuerte er jedoch stets, besitze gegenüber einem gewählten Regierungschef den Vorteil, dass er von der Gunst der Wähler unabhängig sei und allein in der Verantwortung jener höheren Macht stehe, die ihn zu seiner Herrscherwürde bestimmt habe. Er habe es also allein vor seinem Gewissen zu vertreten, ob er seinen göttlichen Auftrag erfülle. Otto Habsburg mag bisweilen sogar ein aufgeklärter Geist gewesen sein. Aber er blieb der absolutistischen Überzeugung seiner Herkunft verhaftet. Es war diese Hybris, die in den Untergang führte. Sein Urgroßonkel, der greise und den Intrigen an seinem Hof längst nicht mehr gewachsene Franz Joseph I., entschied über den Zeitpunkt, zu dem Gottes Wille den Untertan zum Kanonenfutter bestimmt hatte.

In Otto Habsburgs Geburtsjahr, 1912, geistern kriegerische Fantasien durch die Köpfe der kaiserlichen Berater, pathetisch wird die Unvermeidlichkeit einer militärischen Entscheidung heraufbeschworen, die Donaumonarchie taumelt geradewegs ihrem Ende entgegen. Als vier Jahre später, im November 1916, der blond gelockte Knabe im Kondukt dem prunkvollen Leichenwagen mit dem Sarg des obersten Kriegsherren zur Kapuzinergruft folgt, ist das Reich längst ausgeblutet, der Zusammenbruch nur mehr eine Frage der Zeit. Wahrscheinlich erfasst er erst als zehnjähriger Knabe, der am Totenbett seines Vaters Karl, des allerletzten Kaisers, steht, was an jenem grauen Novembertag für immer zu Grabe getragen wurde: seine Zukunft.

Die Familie ist nun tatsächlich mittellos, lebt von den Zuwendungen meist aristokratischer Gönner. Den Juwelenschatz, den Inhalt zweier Vitrinen der Schatzkammer, den Karl in einer nächtlichen Kaperaktion noch rechtzeitig ins Exil vorausschicken ließ, haben die aufwendige Hofhaltung in der Schweiz und zwei vergebliche Restaurationsversuche in Ungarn verschlungen. Auf Madeira interniert, fiebert der aus Österreich ausgewiesene Monarch seinem Ende entgegen. Sein ältester Sohn muss den Todeskampf beobachten, er soll mit eigenen Augen sehen, "wie ein Kaiser und ein Christ stirbt".

Es ist die erste Lektion für ein zukünftiges Leben mit einer langen Liste an Titeln, die von wohlklingender Wertlosigkeit sind. Zunächst in einem baskischen Küstenstädtchen, wo Alfons XIII. – der spanische König hatte in Wien das Theresianum besucht und eine Erzherzogin geheiratet – für das Auskommen sorgt, und später in einem Schloss in Belgien überwacht ein "Erziehungskomitee", das je ein ehemaliger Unterrichtsminister aus Österreich und Ungarn leiten, die Ausbildung, die nur ein Ziel kennt: ihn das Erbe der Ahnen antreten zu lassen.