Das Poltern der Parteifreunde aus Graz ist ein althergebrachtes Ritual in der Volkspartei. Seit einigen Wochen wird diese Tradition wieder ganz besonders gehegt und gepflegt. Die Belehrungen, die Michael Spindelegger derzeit aus Graz empfangen muss, hört er so schroff sonst nur von Oppositionspolitikern. Hermann Schützenhöfer, Chef der Steirer ÖVP, warnt den Bundesobmann scheinbar wohlwollend vor zu viel inhaltlicher Enge. Betont freundlich spricht er auch über Hannes Androschs Bildungsvolksbegehren und formuliert damit ein verklausuliertes Misstrauensvotum gegen einen Kernbereich der ÖVP: das Beharren in der Bildungspolitik.

Für den Frontalangriff schickte Schützenhöfer seinen Mann fürs Grobe vor: Klubchef Christoph Drexler überbrachte in der Kleinen Zeitung die unfreundliche Botschaft, die Bundespartei verharre "noch im politischen Vakuum".

Heute will Drexler nicht mehr nachlegen, freilich auch nichts zurücknehmen: "Wir haben den Eindruck, dass die ÖVP auf Bundesebene zu oft als jene politische Kraft wahrgenommen wird, die im Zweifel bremst und für das Bewahren, nicht für die Reform steht." Dabei bleibt er. Und schickt Spindelegger noch so eine als Kompliment getarnte Gemeinheit hinterher: "Ich traue ihm zu, die Dinge nach einem etwas mauen Start noch zum Guten zu wenden."

Nicht zu überhören: Die Steirer fühlen sich von Spindelegger schlecht behandelt, ja von dessen Entscheidungen brüskiert. Auch wenn Drexler beteuert, es gehe nicht darum, "wer wo geboren ist": Reinhold Lopatka, einer von zwei Steirern in der Bundesregierung, wurde abgeräumt. Noch schwerer wiegt, dass Johanna Mikl-Leitner zum Innenministerium auch noch den Österreichischen Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbund (ÖAAB) dazubekam. Nach informellen Gesprächen hatten die Steirer mit der Kür von Beatrix Karl oder Lopatka gerechnet. Aus der Abmachung wurde nichts. Niederösterreich zweimal belohnt, die Steiermark doppelt düpiert.

Nicht nur um Posten fühlen sich die Steirer betrogen. Vor allem ihr Selbstbild als Vordenker- und Impulspartei werde, so meinen sie, gering geschätzt. Und weil in der rot-schwarzen Landesregierung Frieden geschlossen wurde, muss sich die weiß-grüne ÖVP dringend profilieren. Schließlich gäbe es im Wiener Parlament genügend Abgeordnete aus der Steiermark, um einen eigenen Klub zu gründen. Noch so eine Drohung: das – nicht allzu realistische – Schreckbild eines CSU-Modells.

Bemerkenswert viele Wortmeldungen steirischer Konservativer klingen wie Drohungen an Spindelegger. "Eine Öffnung und weniger Enge" forderte etwa Justizministerin Karl, die verbliebene Steirerin in der Regierung. Und Exminister Martin Bartenstein fordert von Spindelegger, "das aufgestaute Misstrauen abzubauen".

"Die Steirer waren in ihrem Selbstverständnis immer ein rebellisches, aufmüpfiges Volk. Diese Tradition beginnt schon mit der Geschichte des Erzherzogs Johann", erklärt Gerhard Hirschmann, ehemaliger Landesrat der ÖVP und später als Renegat für die bitterste Niederlage der Partei mitverantwortlich. Es nimmt nicht wunder, dass in der steirischen Volkspartei, die sechs Jahrzehnte lang das Land fest im Griff hatte und sich zunehmend eins mit ihm wähnte, das steirische Wesen stark durchschlug. Zum Selbstbewusstsein gehört, dass sich die Partei ab den siebziger Jahren eine Denkwerkstatt hielt, die am "Modell Steiermark" schmiedete. Die steirische ÖVP fühlt sich seit damals als Programmpartei mit visionärem Ansatz. Eine Partei, welcher der Eigensinn zum maßgeschneiderten Trachtenrock geworden ist.

Das Aufbegehren gehörte immer zum Selbstbild der steirischen Landespartei

Schützenhöfer kommt aus jener Generation, der die welterklärenden Reden des einstigen Landesvaters Josef Krainer noch im Ohr klingen. Die heute aus der Öffentlichkeit zurückgezogene 80-jährige Leitfigur war ein Intellektueller und großer Verbinder. Er schaffte in der Partei gleichermaßen Platz vom Linksliberalen bis zum Ex-Nazi, konnte auf die Bauern und Handwerker genauso zugehen wie auf Fabrikherren und Landadelige.

In dieser sogenannten "steirischen Breite" brachten es Querköpfe wie der Rechtsprofessor Bernd Schilcher zum Klubobmann oder der Architekt Helmut Strobl zum Grazer Stadtparteichef. "Diese Leute hätten nicht einmal in der SPÖ irgendetwas werden können. Das waren Leute, die überhaupt nicht zu irgendeiner Partei gepasst haben und natürlich immer gegen den Mainstream der ÖVP angetreten sind", sagt Hirschmann, selbst einer der Unbequemen von damals.

Die fortschrittliche Kulturpolitik verstärkte den Ruf als offenste aller Landesparteien. All dies sei aber trotz Reaktivierungsbemühungen Schützenhöfers erlahmt, sagen Kritiker. Ein ÖVP-Veteran aus Krainer-Tagen meint dazu: "Wir waren damals ein bunter Haufen, vom Radikaldemokraten bis zum Klerikalfaschisten. Jetzt ist die steirische ÖVP ein bisschen enger. Das liberale Element ist nicht gänzlich weg, aber verkümmert. Es spielt nicht mehr die Rolle wie früher."

Mit der Breite bauten die Steirer ihre Dominanz lange aus. Erstaunlich in einem Land, das von seiner Struktur her prädestiniert gewesen wäre für eine sozialdemokratische Führung: die Steiermark mit ihrem Kohlebergbau im Westen, der Eisenindustrie in der Mur-Mürz-Furche, mit kleinen Landwirtschaften und Graz als Universitätszentrum. All diese Einflüsse sammelten die steirischen Konservativen in der Partei. Schon Josef Krainers gleichnamiger Vater, der ein Holzfäller war und das Land bis 1971 regierte, hatte dieses Gespür.

Zur Selbstbehauptung gehörte es, stark genug zu sein, um in Wien entsprechend auftreten zu können. Nicht immer hatte dieses Aufbegehren einen realpolitischen Grund, manchmal aber schon.

Etwa als Krainer II. in den achtziger Jahren einen eisernen Abwehrkampf gegen die Stationierung der Draken-Abfangjäger in Zeltweg führte, bis hin zum Misstrauensantrag gegen den eigenen Verteidigungsminister Robert Lichal. In dessen Kabinett arbeitete damals übrigens ein junger Spund namens Michael Spindelegger. Das steirische Temperament kennt der heutige Parteiobmann also.

Das Aufbäumen im Steireranzug gegen die Metropole blieb jahrelang ein wirksames Ritual. "Das Ur-Drehbuch dafür geht noch zurück auf den alten Krainer", erklärt der Grazer Historiker Dieter A. Binder. "Wir Steirer im Kampf gegen Wien, das geht heute aber nicht mehr auf." Dafür sei diese Tradition zu wenigen Wählern noch lebhaft in Erinnerung.

Doch es ist weniger die nostalgische Verklärung vermeintlich goldener Zeiten, welche die Steirer in die Offensive drängt. Die aktuelle Situation der steirischen Konservativen unterscheidet sich vor allem durch den Machtverlust. Die vor der Öffentlichkeit bis zuletzt geheim gehaltene Abschaffung des Regierungsproporzes (inklusive verkleinertem Landtag und sparsamerer Verwaltung), die Schützenhöfer gemeinsam mit Franz Voves vorantrieb, ist gut fürs Bundesland, aber nicht unbedingt für die Volkspartei. Erfolge werden dem ersten Mann im Lande, dem Sozialdemokraten Voves, zugerechnet. Dies umso mehr, als Schützenhöfer, der die Steiermark 2010 nicht zurückgewinnen konnte, vor der nächsten Wahl wohl weichen müssen wird.

Nur Wutworte dringen von Graz nach Wien – aber keine Machtworte

Auch die ÖVP-internen Machtproportionen haben sich zu Ungunsten der Steirer verschoben. "Die Bedeutung einer Landespartei ist nur dann gravierend, wenn sie mit einem sieggewohnten Landeshauptmann an der Spitze auftreten kann", sagt Historiker Binder. Mit Waltraud Klasnics Niederlage 2005 schrumpfte die Macht. Es sind Wutworte, die über den Semmering dringen, aber keine Machtworte mehr.

Bleibt also nichts weiter als ein beschädigter ÖVP-Obmann? "Wenn Spindelegger und die Bundespartei in den vergangenen zwei, drei Monaten einen exzellenten Neustart hingelegt hätten, dann wären sie völlig immun gegen Beschädigungen", rechtfertigt sich Drexler. Schrammen am öffentlichen Bild des Häuptlings in Wien nahmen die Steirer immer schon billigend in Kauf.

Nur stehen sie heute alleine da: Während Josef Krainer senior noch gemeinsam mit anderen Landesfürsten Allianzen gegen Wien schloss, versagten diesmal die noch amtierenden schwarzen Landeshauptleute in Tirol, Vorarlberg oder Oberösterreich ihre Unterstützung. Es blieb ein einsamer Aufstand. Aber einer nach steirischem Brauch allemal.