Es gibt weltweit nur ganz wenige Menschen, die fliegen können. Nicht einfach einen Flug buchen, sondern sich aus eigener Kraft loslösen von der Erde und abheben in die Freiheit. Wer das kann, hat wahrscheinlich einen Vertrag mit dem Alvin Ailey American Dance Theater (AAADT), einem der erfolgreichsten Tanztheater der Welt, dessen Markenzeichen eine avancierte Flugtechnik ist. Auch auf dem aktuellen Tourneeplakat 2011 sieht man wieder ein Ensemblemitglied spektakulär in der Luft schweben.

Wer das nicht kann, lässt vielleicht andere fliegen. Stifter, Sponsoren und private Förderer lieben das 1958 gegründete AAADT, weil es ein krisenfestes Exportprodukt ist. Es gastierte schon in 71 Ländern vor mehr als 23 Millionen Zuschauern. Es war von Anfang an die aparte Alternative zu Amerikas lautem Musicalbetrieb und hat über Jahrzehnte bewiesen, dass hochkulturelle Formen des Tanzens auch ökonomisch funktionieren können.

Fast dreißig Millionen Dollar Kosten hat das Ailey Theatre mittlerweile im Jahr, aber noch etwas mehr Einkommen verbucht es auch. Es hat ein revolutionäres Finanzierungsmodell entwickelt, das die Tänzer endlich aus der Abhängigkeit staatlicher Almosen befreit hat. Die öffentlichen Zuschüsse für Kultur sind in den USA ohnehin bekanntermaßen gering, 420.000 US-Dollar jährlich im Falle des AAADT.

Unbeschadet von Staatsaffären und Wirtschaftsflauten, verbesserte es stetig seine Bilanzen und verdreifachte in den vergangenen fünfzehn Jahren seinen Umsatz. Selbst nach dem Anschlag auf das World Trade Center brach der Ticketverkauf, anders als am Broadway, keineswegs ein. Warum? Weil die ernste Muse plötzlich wieder gefragt war. Weil die Leute etwas Haltbares wollten: Anmut und Würde, Glamour und Politik.

John F. Kennedy war einer der ersten Unterstützer des AAADT, schon 1962 lud er das schwarze Ensemble aus New York ein, ihn nach China zu begleiten. 1970 tourte es mit Unterstützung des State Department durch die Sowjetunion. 2008 verlieh der Kongress ihm den Titel "Kulturbotschafter Amerikas".

An einem Nachmittag in den letzten Junitagen wollen die Geldgeber in Manhattans 55th Street, Ecke 9th Avenue, wo die fliegenden Tänzer ihr Hauptquartier haben, eine Probe sehen. Das gläserne Joan Weill Center ist nach der großzügigsten Gönnerin des AAADT benannt, der Ehefrau des Gründers und späteren Aufsichtsratsvorsitzenden der Citigroup, Sanford Weill. Als New Yorks vier Megakreditinstitute Citigroup, Bank of Amerika, JP Morgan Chase und Wells Fargo von der Finanzkrise durchgerüttelt wurde, sackte die Dance Company beim contributed income der Sponsoren nur ganz kurz ab, um sich gleich wieder zu fangen. Joan Weill konnte sich im Nachhinein beglückwünschen, dass sie 13 von insgesamt 65 Millionen Dollar für den Neubau gespendet und so ihren Namen mit einem unerschütterlichen Kulturgut Amerikas verbunden hat, denn diese Kultur ist ein Kapital, das nicht wie eine Immobilienblase einfach platzt. 2005 war Eröffnung, 2008 kamen zu einer Straßenparty 40.000 Leute, und im vergangenen Jahr schmiss Präsidentengattin Michelle Obama für die Künstlerische Leiterin Judith Jamison einen Empfang im Weißen Haus.

Obwohl das AAADT eine Non-Profit-Organisation ist, erwirtschaftet es seit Mitte der neunziger Jahre sogar Überschüsse, die im laufenden Jahr 1,7 Millionen Dollar erreichen sollen. Das ist beachtlich in einem Marktsegment, wo weltbekannte Orchester auch bei bester Publikumsauslastung nicht kostendeckend arbeiten können.