DIE ZEIT: Herr Biedenkopf, gibt es einen programmatischen Satz, den die CDU als einzige Partei formuliert?

Kurt Biedenkopf: Darüber müsste ich nachdenken. Im Augenblick fällt mir keiner ein.

DIE ZEIT: Was sagt es über die CDU, dass selbst einem ehemaligen Generalsekretär und Ministerpräsidenten keine Antwort auf diese Frage einfällt?

Biedenkopf: Das sagt zunächst einmal etwas über mich. Wenn Sie das Programm ernst nehmen, das Angela Merkel im Jahr 2002 auf dem Leipziger Parteitag vertreten hat, dann ist die CDU die Partei der sozialen Marktwirtschaft. Das ist zwar keine sehr präzise Beschreibung. Ich glaube aber auch nicht, dass eine Volkspartei diese Art von Alleinstellung braucht, um Erfolg zu haben.

DIE ZEIT: Die CDU hat zuletzt in allen Wahlen Stimmen verloren und ihr Ziel verfehlt, in den Großstädten stärker zu werden. Woran liegt das?

Biedenkopf: Das ist nicht nur typisch für die CDU. Die SPD war auch nicht sehr erfolgreich. Den Parteien gelingt es immer weniger, Wähler zu binden.

DIE ZEIT: Warum machen eigentlich die Grünen einen Parteitag zur Energiewende und die Union nicht?

Biedenkopf: Wir haben auf dem CDU-Parteitag in Hannover 2007 beschlossen, die Nutzung der Kernkraft ohne zeitliche Limitierung fortzusetzen. Nun hat Angela Merkel diese Position aufgegeben und sich mit ihrer Regierung für einen neuen Weg entschieden. Ich stimme mit dem Bundespräsidenten überein, dass es klug gewesen wäre, die Partei an diesem tief greifenden Kurswechsel zu beteiligen und sich für den neuen Weg deren Mandat zu sichern. Das gilt auch für die CSU. In Bayern werden 57 Prozent des Stroms durch Kernkraft erzeugt. Wie man nach dem Atomausstieg dieses Defizit aus eigener Kraft ausgleichen kann, muss intensiv diskutiert werden. Ohne Beteiligung der Partei einen neuen, angeblich alternativlosen und unumkehrbaren Weg einzuschlagen, ohne zu wissen, wie dieses Defizit ausgeglichen werden soll, halte ich für ein politisches Abenteuer.

DIE ZEIT: Können Sie die neue Haltung der Kanzlerin nachvollziehen?

Biedenkopf: Nein. Die Folgerungen, die die Bundeskanzlerin für die Bewertung des Risikos der Kernenergie in Deutschland zieht, kann ich nicht nachvollziehen. Die Katastrophe in Fukushima sei ein "Einschnitt für die Welt und für mich persönlich". Sie habe deutlich gemacht, dass Kernenergiekrisen nicht sicher beherrschbar seien. Das ist aber schon lange bekannt. Immerhin hat sich der erste Fall dieser Art in den siebziger Jahren in Harrisburg in den USA ereignet, also in einem hoch entwickelten Industrieland. Der entscheidende Satz in der Regierungserklärung der Kanzlerin lautet: "Deshalb sage ich für mich: Ich habe eine neue Bewertung vorgenommen." Dies ist, soweit ich erkennen kann, ihre einzige inhaltliche Begründung für die Gesetzgebung zum Atomausstieg. Dagegen gibt es keine empirischen Begründungen, die sich auf die Verhältnisse in Deutschland und in Europa beziehen.