Würde ein Fußballteam, das nach 45 Minuten knapp führt, vor lauter Euphorie in der zweiten Hälfte das Spielen einstellen? Niemals! Aber warum verhält sich jeder zweite Bewerber so, nachdem er einen neuen Job hat? Warum ist er beim Bewerben klug und ausgefuchst, nur um in der zweiten Halbzeit, beim Antritt der Arbeit, mit einer leichtfertigen Siegesgewissheit den Erfolg zu gefährden? Musil würde ihm zurufen: Entscheidend ist nicht der erste Schritt, der Auftritt als Bewerber, sondern der zweite, die Bewährung in der Praxis. Die ersten sechs Monate im neuen Job sind Schritte auf dünnem Eis; jetzt fällt die "Spielentscheidung".

Jede Firma ist wie ein Land: Es gelten eigene Gesetze. Und die muss ein Neuer herausfinden.

Wer den Kollegen sofort das "Du" anbietet, nur weil die sich auch duzen, begeht einen Fehler – ein solches Angebot muss immer von den Etablierten kommen. Wer sich abfällig über einen teuren Lieferanten äußert, sollte vorher geklärt haben, ob das nicht der beste Freund des Chefs ist. Und ein selbstmörderisches Unterfangen ist es, die Kollegen sofort mit Verbesserungsvorschlägen zu bombardieren. Solche Vorstöße wirken sich auf die Beliebtheit eines neuen Mitarbeiters aus wie die Ehec-Warnung auf den Verzehr spanischer Gurken.

Die heimliche Erwartung: Wer neu ist, hat sich den Gepflogenheiten unterzuordnen. Erst nach dieser Verbeugung wird er in den Indianerstamm aufgenommen. Idealerweise reist man durch ein fremdes Land mit einem einheimischen Führer. Wenn es Ihnen gelingt, einen Etablierten als Mentor zu gewinnen , haben Sie es leichter.

Durch Fragen lässt sich herausfinden, welche politischen Empfindlichkeiten bestehen, auf welche fachlichen Feinheiten es ankommt und welche informellen Erfolgswege nutzbar sind. Übrigens ist der neue Chef kein schlechter Reiseführer : Er hat ein Interesse daran, dass sich seine Personalentscheidung als richtig erweist, während die neuen Kollegen auch ihre eigenen Pfründen verteidigen.

Wenn ein Neuer viele Fragen stellt, gut zuhört und auch mit aufrichtigem Lob nicht spart, drückt er Respekt vor dem Bestehenden aus. Das ist die Eintrittskarte, die sogar ein Überflieger lösen muss, der sich gegen 499 andere Bewerber durchgesetzt hat.

Also besser keinen Sekt köpfen, wenn man einen neuen Job erobert hat? Doch – aber erst nach der Probezeit!