Seit dem 10. März versuchen wir im Politikteil der ZEIT, Politik von einer anderen Seite und auf andere Art wahrzunehmen. Elf Lyrikerinnen und Lyriker verfassen eigens für die ZEIT Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht auf die Politik. Mal schreiben sie unabhängig von den Ereignissen, mal gehen sie direkt auf politische Erlebnisse ein. Womit wir anfangs nicht gerechnet hatten, das ist die Fülle und Dichte der Ereignisse, wie wir sie seit Anfang dieses Jahres erleben. Die Gedichte wurden dabei häufig sehr aktuell, einige am Tag nach politischen Entscheidungen oder nach Katastrophen verfasst. Diese Woche widmet sich Michael Lentz Helmut Schmidt in Anlehnung an ein Gedicht von Rainer Maria Rilke.

Michael Lentz: Adoneus Helmut

Der Schmidt ist groß. Wir
sind doch die Seinen stärkeren Mundes.
Wenn wir uns jetzt politischer meinen
süßen Gewissens schweren Befundes
sollte er weinen wichtigen Grundes
mitten in uns

Der Schmidt ist groß. Ach
dass wir nicht nur noch Zuschauer seien –
nirgendwo, niemals. Es überfüllt uns.
Fällt auseinander. Uns zu befreien
fallen auch wir als Fehlerdateien
mitten in uns

Der Schmidt ist groß. So
dass wenn er spricht sich lüftet der Schleier
den er genommen stürmend von uns samt
magisch das Duo Bieder und Meier
Landshut im Griff und Pyrrhus Befreier
mitten in uns

Der Schmidt ist groß. Er
ist wenn er spricht ein handelnder Klopstock
Rhetor im Dunstkreis geifernder Meiner
Regulus: Stern und strahlender Steinbock
ist er und bleibt der Redenden Richtblock
mitten in uns

Der Schmidt ist groß. Einst
Zünglein der vagen Doppelbeschlüsse
(Taten wie diese rekonstruiert man
wenn sie getan sind): Hochrüstung müsse
Durchblick gewähren – Zeilen durch Schüsse
mitten in uns

Der Schmidt ist groß. Er
denkt der Geschichte starrende Schmelze:
Was man auch immer tut (unterlässt) man
wird sich mit Schuld beladen wie Pelze
jagend durchs taube Untergehölze
mitten in uns