Töten bis ins letzte Glied

Der Berliner Historiker Christian Gerlach ist durch bahnbrechende Studien über die deutsche Besatzungs- und Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg sowie über den Holocaust hervorgetreten. Doch er hat keine adäquate Stelle in Deutschland gefunden und lehrt nun, nach Zwischenstationen unter anderem in Singapur und den USA, an der Universität Bern. Gerlachs Studie über extreme Gewalt im mörderischen 20. Jahrhundert, bei Cambridge University Press erschienen, ist nun von Kurt Baudisch aus dem amerikanischen Englisch ins Deutsche übersetzt worden.

Die positive Kehrseite der Odyssee Gerlachs ist sein weiter Blick für die globale Dimension seines Gegenstandes. Die immer wieder und zu Recht eingeforderte Überwindung nationalgeschichtlicher und eurozentrischer Begrenzungen der Geschichtsforschung – hier wird sie eindrucksvoll, mit stupender Gelehrsamkeit vollzogen. Das Buch spannt einen Bogen über die türkische Vernichtungspolitik gegen die Armenier im Ersten und die deutsche Besetzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg. Von den entvölkernden Strategien der Guerillabekämpfung im japanisch besetzten China Anfang der dreißiger und im Peru der neunziger Jahre bis zu den Massenmorden in Indonesien und Bangladesch in den sechziger und siebziger Jahren entfaltet der Autor ein Panorama massenhafter Gewalt, das in der ausufernden Literatur über die Genozide des 20. Jahrhunderts seinesgleichen sucht.

Gerlachs vordringliche Absicht besteht denn auch darin, das von Raphael Lemkin am Schicksal der Armenier entwickelte Paradigma des "Genozids" als wissenschaftliche Kategorie zu verabschieden. In der Genozidforschung soll, oft auf schmaler empirischer Basis, der Beweis dafür angetreten werden, dass ein verbrecherisches staatliches Regime eine meist ethnisch definierte Opfergruppe ausrottete, weil es sie ausrotten wollte. Unter der Hand werden, so Gerlach in einem klugen Essay am Ende seines Buches, ethnische und nationale Identitäten durch historische Genozid-Narrative konstruiert, die der wissenschaftlichen Überprüfung oft nicht standhalten.

Stattdessen lenkt Gerlach den Blick auf halbstaatliche (namentlich Milizen) und nicht staatliche Akteure massenhafter Gewalt, mithin auf die Gesellschaftsgeschichte des wirtschaftlich und politisch motivierten Massenmordes in Zeiten einer langfristig angelegten, jedoch zeitlich begrenzten Krise. "Vorkommen und Durchschlagskraft von Massengewalt hängen von einer breiten Unterstützung unterschiedlicher Kreise ab, doch dies beruht auf vielfältigen Beweggründen und Interessen, die bewirken, dass sich Gewalt in verschiedenen Richtungen, in unterschiedlicher Intensität und Form ausbreitet."

Die Krise, die solche massenhafte Partizipation bedingt und ermöglicht, ist oft genug jener Vorgang der ursprünglichen Akkumulation im Marxschen Sinne, bei dem eine dominant agrarische in eine dominant industrielle Gesellschaft überführt wird, was zu massiven sozialen Verwerfungen und Mobilität, Hunger, erzwungener Migration und Raubgier führt. Daher gilt Gerlachs besonderes Interesse und historiografische Sympathie den bäuerlichen Schichten sowie den ökonomisch führenden Mittlergruppen zwischen Stadt und Land, zu denen im europäischen Kontext Armenier und Juden gehörten.

Gerlachs Buch ist systematisch, nicht chronologisch angelegt. In den fünf Fallstudien werden unterschiedliche Aspekte des bescheiden als "Ansatz" präsentierten Forschungsparadigmas "Extrem gewalttätige Gesellschaften" behandelt und auf den Prüfstand gestellt. So analysiert der Autor in seiner Fallstudie über die Ermordung der Armenier in der Türkei von 1915 an die wirtschaftlichen Motive massenhafter Gewaltpartizipation, legt am Beispiel der Abspaltung Ostpakistans (Bangladeschs) von Pakistan dar, wie eine ganze Gesellschaft in eine mörderische Krise geraten kann, und spürt am griechischen Beispiel den ökonomischen und sozialen Verbindungslinien zwischen finanzieller Ausplünderung, Hungersnöten und Judenmord unter deutscher Besatzung nach.

 

Das herausragende Kapitel dieses Buches ist die Studie über die Ermordung von mindestens 500.000 Kommunisten – oder Menschen, die kommunistischer Sympathien verdächtigt wurden – im Indonesien des Präsidenten Sukarno, in nur drei Monaten der Jahre 1965 und ’66. Es handelt sich um ein aus dem Gedächtnis der Weltöffentlichkeit weitgehend getilgtes und mangels klarer ethnischer Abgrenzungskriterien durch das Raster der Genozid-Definition fallendes Massenverbrechen. Am indonesischen Fall zeigt Gerlach auf, wie sich unterschiedliche Gruppen aus unterschiedlichen Gründen zu einer zeitweiligen "Koalition für Gewalt" zusammenfinden konnten.

Ausgangspunkt des Mordens war ein Putschversuch einer Gruppe von Offizieren im Oktober 1965, die dem linksnationalistischen Präsidenten Sukarno ergeben war und einem vermeintlich – möglicherweise aber auch tatsächlich – bevorstehenden Putsch rechtsgerichteter Generale zuvorkommen wollte. Das indonesische Militär gab wider besseres Wissen die Parole aus, die prochinesischer Sympathien verdächtigte Kommunistische Partei Indonesiens (KPI) stehe hinter dem Putsch der Sukarno-Parteigänger, die alsbald mit dem propagandistischen Schmähtitel "Gestapu" belegt wurden. Unter maßgeblicher Beteiligung eines Fallschirmjägerregiments des indonesischen Heeres brachten islamistische und rechtsnationalistische Milizen, in erheblicher Zahl Studenten und Mitglieder von Jugendorganisationen, Hunderttausende KPI-Mitglieder und deren soziale Basis um, darunter allein auf der Insel Bali bis zu 100.000 Menschen, die in nur rund vier Wochen auf meist bestialische Art und Weise abgeschlachtet wurden. Als Dachorganisation der Morde bildete sich eine breite Aktionsfront, die sich nun ihrerseits als "KAP-Gestapu" bezeichnete und das erklärte Ziel verfolgte, die Kommunisten – oder was sie dafür hielt, vor allem auch ethnische Chinesen – bis ins letzte Glied zu töten, auf dass keine Rächer heranwachsen sollten.

Es verwundert nicht, dass die Gewaltkoalition ausländische Partner fand, namentlich die USA, deren Botschafter in Jakarta die antikommunistische Propaganda befeuerte und mit Proskriptionslisten Tausender zu tötender Kommunisten aushalf. Und während heute "humanitäre Intervention" als Kriegslegitimation herhalten muss, signalisierten Großbritannien und Australien, die sich im Kriegszustand mit Indonesien befanden, sie würden gerade nicht militärisch intervenieren – damit das indonesische Heer gefahrlos von der Insel Sumatra abgezogen werden und seinen Kreuzzug gegen die KPI durchführen konnte.

Man ahnt es bereits: Gerlachs Buch ist ein eminent politischer Kommentar zur aktuellen Weltlage. Hier argumentiert ein Linker mit derzeit eher unpopulären Kategorien wie Kapitalismus, marktgebundener Klasse und Imperialismus, ohne kulturelle Faktoren wie die Religion auszublenden. Immer steht die Sache im Vordergrund, der empirische Befund und nicht die These. Dem Autor zufolge besteht wenig Grund zu der optimistischen Annahme, das Ende des Kalten Krieges schütze das 21. Jahrhundert vor extremer Gewalt. Ausländische Interventionen in weitgehend agrarischen Staaten wie Afghanistan und dem Irak beschleunigten vielmehr soziale Mobilisierung und politische Polarisierung, die jedenfalls im vergangenen Jahrhundert die gesellschaftliche Grundlage von Terror und Massenmord bildeten.

Gerlach spart den nationalsozialistischen Judenmord weitgehend, den stalinistischen Hungermord im Süden der UdSSR und die Massenmorde der Roten Khmer in Kambodscha ganz aus, jene Massenverbrechen mithin, die oft mit dem Begriff Genozid beschrieben wurden. Ob sich das Paradigma extrem gewalttätiger Gesellschaften auch auf diese Fälle anwenden lässt, bedürfte näherer Untersuchung. Derzeit schreibt Gerlach an einer Gesamtgeschichte der nationalsozialistischen Judenvernichtung.