Das herausragende Kapitel dieses Buches ist die Studie über die Ermordung von mindestens 500.000 Kommunisten – oder Menschen, die kommunistischer Sympathien verdächtigt wurden – im Indonesien des Präsidenten Sukarno, in nur drei Monaten der Jahre 1965 und ’66. Es handelt sich um ein aus dem Gedächtnis der Weltöffentlichkeit weitgehend getilgtes und mangels klarer ethnischer Abgrenzungskriterien durch das Raster der Genozid-Definition fallendes Massenverbrechen. Am indonesischen Fall zeigt Gerlach auf, wie sich unterschiedliche Gruppen aus unterschiedlichen Gründen zu einer zeitweiligen "Koalition für Gewalt" zusammenfinden konnten.

Ausgangspunkt des Mordens war ein Putschversuch einer Gruppe von Offizieren im Oktober 1965, die dem linksnationalistischen Präsidenten Sukarno ergeben war und einem vermeintlich – möglicherweise aber auch tatsächlich – bevorstehenden Putsch rechtsgerichteter Generale zuvorkommen wollte. Das indonesische Militär gab wider besseres Wissen die Parole aus, die prochinesischer Sympathien verdächtigte Kommunistische Partei Indonesiens (KPI) stehe hinter dem Putsch der Sukarno-Parteigänger, die alsbald mit dem propagandistischen Schmähtitel "Gestapu" belegt wurden. Unter maßgeblicher Beteiligung eines Fallschirmjägerregiments des indonesischen Heeres brachten islamistische und rechtsnationalistische Milizen, in erheblicher Zahl Studenten und Mitglieder von Jugendorganisationen, Hunderttausende KPI-Mitglieder und deren soziale Basis um, darunter allein auf der Insel Bali bis zu 100.000 Menschen, die in nur rund vier Wochen auf meist bestialische Art und Weise abgeschlachtet wurden. Als Dachorganisation der Morde bildete sich eine breite Aktionsfront, die sich nun ihrerseits als "KAP-Gestapu" bezeichnete und das erklärte Ziel verfolgte, die Kommunisten – oder was sie dafür hielt, vor allem auch ethnische Chinesen – bis ins letzte Glied zu töten, auf dass keine Rächer heranwachsen sollten.

Es verwundert nicht, dass die Gewaltkoalition ausländische Partner fand, namentlich die USA, deren Botschafter in Jakarta die antikommunistische Propaganda befeuerte und mit Proskriptionslisten Tausender zu tötender Kommunisten aushalf. Und während heute "humanitäre Intervention" als Kriegslegitimation herhalten muss, signalisierten Großbritannien und Australien, die sich im Kriegszustand mit Indonesien befanden, sie würden gerade nicht militärisch intervenieren – damit das indonesische Heer gefahrlos von der Insel Sumatra abgezogen werden und seinen Kreuzzug gegen die KPI durchführen konnte.

Man ahnt es bereits: Gerlachs Buch ist ein eminent politischer Kommentar zur aktuellen Weltlage. Hier argumentiert ein Linker mit derzeit eher unpopulären Kategorien wie Kapitalismus, marktgebundener Klasse und Imperialismus, ohne kulturelle Faktoren wie die Religion auszublenden. Immer steht die Sache im Vordergrund, der empirische Befund und nicht die These. Dem Autor zufolge besteht wenig Grund zu der optimistischen Annahme, das Ende des Kalten Krieges schütze das 21. Jahrhundert vor extremer Gewalt. Ausländische Interventionen in weitgehend agrarischen Staaten wie Afghanistan und dem Irak beschleunigten vielmehr soziale Mobilisierung und politische Polarisierung, die jedenfalls im vergangenen Jahrhundert die gesellschaftliche Grundlage von Terror und Massenmord bildeten.

Gerlach spart den nationalsozialistischen Judenmord weitgehend, den stalinistischen Hungermord im Süden der UdSSR und die Massenmorde der Roten Khmer in Kambodscha ganz aus, jene Massenverbrechen mithin, die oft mit dem Begriff Genozid beschrieben wurden. Ob sich das Paradigma extrem gewalttätiger Gesellschaften auch auf diese Fälle anwenden lässt, bedürfte näherer Untersuchung. Derzeit schreibt Gerlach an einer Gesamtgeschichte der nationalsozialistischen Judenvernichtung.