Ist Harrison Ford nun ein Replikant oder nicht? Peer Steinbrück besucht die Firma Wielpütz in Hilden, einen Autozulieferer in seinem Wahlkreis Mettmann-Süd. Er erfährt viel über die Vor- und Nachteile des Kunststoffspritzgießens. Der Rundgang durch die Fertigungshallen bietet die ideale Gelegenheit, die Nähe der Menschen zu suchen, um Nähe zu ihren Problemen zu suggerieren. Steinbrück betrachtet einen Roboter. Plötzlich erzählt er, ganz Filmfreak, von Blade Runner, Ridley Scotts Meisterwerk über die Jagd auf künstliche Menschen von 1982. Kurt Beck würde jetzt echte Menschen in blauen Kitteln fragen, ob sie ordentlich verdienten und was es zum Mittagessen gebe. Steinbrück stellt eine andere, die, wie er sagt, "entscheidende" Frage: "Ist Deckard, die Harrison-Ford-Figur, selbst ein Replikant?"

Ist Peer Steinbrück nun ein Kandidat oder nicht ? Das ist die andere, aus Sozialdemokratensicht nicht minder entscheidende Frage, die sich knapp dreißig Jahre nach dem Kultfilm stellt. Unter einem blade runner kann man jemanden verstehen, der auf Messers Schneide läuft. Genau das macht Steinbrück im Sommer 2011.

Der Ex-Finanzminister, Ex-SPD-Vizechef und Ex-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen wagt etwas, was es in der Geschichte der Republik und der Sozialdemokratie so noch nicht gegeben hat: eine Bewerbung ums höchste Regierungsamt ohne die eigene Partei. Es hat SPD-Kanzlerkandidaten gegeben, sie sind die Regel, die sich zur größten Würde hochgedient haben. Es hat Gerhard Schröder gegeben, der sich gegen den Mainstream profilierte und als oberster Niedersachse so populär wurde, dass selbst ein Saarländer nicht an ihm vorbeikam. Jetzt gibt es Steinbrück. Den Mann ohne Parteifunktion und Regierungsamt, den Politiker, den die breite Öffentlichkeit nicht als Genossen wahrnimmt, den Wohlfühlsprechverweigerer, der auf einem eigenen Planeten durchs Universum der Politik schwebt. Kann so jemand Kanzlerkandidat einer Partei werden, der zu eigenen Planeten als Erstes garantiert die Vermögensteuer einfällt?

Zum beliebtesten Politiker des Landes hat es Steinbrück schon mal geschafft. Kein anderer Sozialdemokrat grenzt sich und seine politische Richtung klarer von den Grünen ab, kein anderer wirkt stärker über die eigene Klientel hinaus. Aber wirkt er auch stark genug in die eigene hinein?

In der Kandidatendebatte lautet die offizielle SPD-Version, es gebe sie gar nicht, die inoffizielle, neben Steinbrück kämen noch Parteichef Gabriel, Fraktionsvorsitzender Steinmeier und womöglich Klaus Wowereit infrage, und die ehrliche, es entscheide sich zwischen Steinbrück und Steinmeier, den stones.

Steinbrücks Popularität basiert im Kern auf seiner Distanz zum aktuellen Politikbetrieb. Viele Wähler nehmen die Politik nur noch als Abfolge leerlaufender Rituale und Selbstbespiegelungen wahr. Sie monieren eine hermetische Sprache, die Einteilung in Schlaumeier und Volltrottel, die großen Lieferversprechungen und die kleinen Einsammelscharmützel, die inszenierte Nähe und die inszenierten Bilder. In Zeiten von Finanzkrise und Euro-Angst, von Energiewende und Arabischem Frühling herrscht eine Sehnsucht nach Sachlichkeit, nach fachlicher Kompetenz, nach Personen, die eine immer komplexere Welt so erklären können, dass man beide versteht, die Welt wie die Person. Steinbrück macht das, weitgehend abseits von Berlin-Mitte und des Willy-Brandt-Hauses. Ob er nun an der Uni Duisburg über Politikmanagement doziert, ob er in Oberhausen über die finanzielle Lage der Kommunen spricht oder ob er in mehr als fünfzig Städten aus seinem Bestseller Unterm Strich liest: Stets sind die Veranstaltungen voll besetzt, stets hängen die Leute an Steinbrücks Lippen, stets bekommen sie etwas zu hören, was vielen kaum gefällt ("Ich verlange von Ihnen Anstrengung!"), stets wird auch gelacht – und stets finden sich danach Leute, die einem ungefragt sagen: "Das ist der Beste, den die Sozis haben."