DIE ZEIT: Herr Kilmer, Sie haben als Beamter in Bochum mehrere Jahrzehnte lang reiche Steuerhinterzieher gejagt. Sind Sie ein Anhänger des deutschen Steuerrechts?

Reinhard Kilmer: Nein. Im Steuerrecht herrscht derartiger Wildwuchs, dass kaum noch jemand durchblickt.

DIE ZEIT: Der Heidelberger Jurist Paul Kirchhof will den Urwald abholzen und einen Einheitssteuersatz von 25 Prozent für alle einführen .

Kilmer: Kirchhofs Reform würde zu einer Vereinfachung führen und zu mehr Transparenz. So weit hat er meine Sympathie. Die Frage ist nur, ob sie auch sozial und gerecht ist – und ob sie zu ausreichend Einnahmen führt.

DIE ZEIT: Sie glauben, der Staat würde Geld verlieren?

Kilmer: Das lässt sich zumindest nicht ausschließen. Wir alle sehen aber täglich die Löcher in den Straßen, die maroden Schulen. Der Staat braucht die Steuern.

DIE ZEIT: Kirchhof behauptet, nach seiner Reform wäre genauso viel Geld in den Kassen wie jetzt.

Kilmer: Ich bezweifle, dass er das berechnen kann. Mein Vorschlag wäre: Bei einer derartig radikalen Veränderung muss man ein Jahr lang ein Schattensystem einführen.

DIE ZEIT: Wie geht das?

Kilmer: Die Leute zahlen ihre Steuern vorerst weiter nach den bisherigen Gesetzen. In den Rechenzentren der Finanzämter laufen aber auch schon die neuen Programme. So, als wäre die Reform bereits Realität. Nur dann kann man sehen, ob das neue System den Staat wirklich kein Geld kostet.

DIE ZEIT: Klingt aufwendig.

Kilmer: Das sollte uns die Sache wert sein. In den vergangenen Jahren hat die Politik dauernd die Steuergesetze geändert, ohne die Folgen wirklich zu kennen. Ich erinnere nur an die Senkung der Körperschaftsteuer vor einigen Jahren. Viele dachten, das sei eine gute Idee. Auf einmal standen Städte und Gemeinden vor riesigen Finanzlöchern. Aber da war es schon zu spät.