Frei und zerrissen – Seite 1

Wer eine Audienz beim König möchte, muss sich bei der Feuerwehr von Malakal vorstellen. Dort arbeitet Stationsleiter Watta, ein gedrungener Mann mit akribisch gestutztem Ziegenbart. In seiner Eigenschaft als Bürger des neuen Staates Südsudan ist er zuständig für das Löschen von Bränden. In seiner Eigenschaft als Untertan des Königreichs der Shilluk koordiniert er die Angelegenheiten Seiner Majestät Reth Kwongo Dak Padiet.

"Der König", sagt Herr Watta, "ist mein Onkel. Ein Interview möchten Sie?" Er schüttelt missbilligend den Kopf. "Unmöglich. Man stellt dem König keine Fragen. Man kauert auf dem Boden und trägt ein Anliegen vor. Bei Ihnen reicht es, wenn Sie sich verneigen. Und die Schuhe müssen Sie natürlich ausziehen."

Auch gut. Einmal barfuß einen Diener machen – daran soll es nicht scheitern.

"Aber so schnell", sagt Herr Watta, "geht das nicht." Seine Majestät sei gerade sehr beschäftigt. Es gebe Landkonflikte zwischen den Shilluk in Fashoda und den Dinka in Akoka, Rebellen und Armee setzten dem Königreich zu, und jetzt hätten sich auch noch die Nuer auf den Rinderdiebstahl verlegt.

Klicken Sie auf die Karte, um sie zu vergrößern. © ZEIT-Grafik

Dinka gegen Shilluk gegen Nuer? Der Süden wird jetzt nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg endlich eine unabhängige Republik. Eigentlich sollte es jetzt nur noch Südsudanesen geben, vereint unter einer Fahne und Regierung. Herr Watta lächelt nachsichtig – das Labyrinth südsudanesischer Innenpolitik hat wahrscheinlich noch kein Ausländer wirklich durchdrungen. "Ich werde dem König Ihr Gesuch vortragen. Kommen Sie morgen wieder", sagt er und wendet sich einem altersschwachen Löschfahrzeug zu. Es brennt häufiger in der Gegend, aber in Malakal gibt es keine Straßen, auf denen man schneller als 20 Stundenkilometer fahren könnte. Herr Watta und seine Kollegen haben nie den Hauch einer Chance. Zumal den Flammen oft Schusswechsel vorausgehen.

Malakal liegt rund 500 Kilometer nördlich von Juba, der Hauptstadt Südsudans, und knapp 50 Kilometer von der Grenze zum Norden. Die schützende Hand der Machtzentrale des neuen Südsudan scheint weit entfernt, der Erzfeind und neue Nachbarstaat Sudan sehr nah. Aber diese Kategorien bedeuten wenig in einer Stadt, wo Norden und Süden so eng verwoben scheinen. Hier, in der Region Oberer Nil, vermischen sich seit Jahrhunderten Völker, Stämme und Religionen. Hier verschwammen die Fronten des jahrzehntelangen Krieges zwischen Norden und Süden , hier schwanken die Loyalitäten der Menschen nicht nur zwischen Stamm und Staat, sondern auch zwischen neuer Republik und altem Königreich.

Wer in Malakal um sieben noch nicht wach ist, den wirft die Armee aus dem Bett. Singend und in stampfendem Laufschritt zieht eine Kompanie Soldaten durch die Straßen – halb vertrauensbildende Maßnahme, halb Machtdemonstration. Der letzte Rebellenüberfall liegt knapp vier Monate zurück, 49 Todesopfer soll es gegeben haben, ein SOS-Kinderdorf wurde von beiden aufständischen Gruppen sowie der Armee attackiert – die Bewohner kamen mit dem Schrecken davon. Die Angreifer gehörten zu einer Miliz der Shilluk, die um ihr Territorium fürchten, wozu nach herrschender Shilluk-Meinung Malakal und von da an flussabwärts das gesamte westliche Nilufer gehören.

Der Süden war nie eine Einheit, die SPLA lange aufgespalten

Darüber würde man zu gerne mit dem König reden. Aber weil Herr Watta auch an diesem Morgen nur ein "Seine Majestät empfängt heute nicht" verlauten lässt, verbringt man den Tag mit der Erkundung der Stadt. Fremdenführer finden sich schnell – der Fahrer einer Hilfsorganisation, ein junger Handyverkäufer, ein Agrartechniker, eine Radiomoderatorin. Man hört die Geschichten der Stadt und, ganz beiläufig, die Geschichten der Begleiter. Juma, der Fahrer, war 13, als die Befreiungsarmee des Südens, die SPLA, ihn für den Krieg rekrutierte; Andrew, der Handyverkäufer, war 15, als er mit anderen "lost boys" 400 Kilometer zu Fuß bis nach Uganda in ein Flüchtlingslager marschierte – tagsüber verfolgt von arabischen Milizen, nachts von Löwen; Tut Bol, der Agrartechniker, hat als Erwachsener Lesen, Schreiben und Englisch gelernt und als Teenager, wie man Leichen Kriegsgefallener zu einem Schutzwall aufschichtet. "Die Toten wurden in der Hitze steinhart, und Sandsäcke gab es ja nicht." Fast jede Lebensgeschichte führt hier einmal in die Hölle und zurück.

Womöglich wären diese Erlebnisse für eine neue Nation irgendwann zu verkraften, ließen sie sich in den Gründungsmythos vom Freiheitskampf afrikanischer Christen gegen arabisch-muslimische Unterdrücker einbetten – das Muster, nach dem die Auseinandersetzung zwischen dem Süden und dem Norden des Landes oft erzählt wird. Aber der Süden war nie eine einheitliche Front, durch die SPLA zog sich Anfang der neunziger Jahre ein blutiger Riss zwischen den übermächtigen Dinka auf der einen und den Shilluk und Nuer auf der anderen Seite. Es folgte ein grausam geführter "Krieg im Krieg". Die Gewalt aus den eigenen Reihen ist für die Menschen heute im Süden weit tödlicher als die Bedrohung durch das Regime in Khartoum: Über 1500 Todesopfer verzeichnet die UN-Mission seit Anfang des Jahres.

Ein Ladestand für Mobiltelefone in Malakal © Andrea Böhm

Dieses Lagebild reicht eigentlich, um diesem Staat eine baldige Existenzkrise und das Ende zu prophezeien. "Sie haben noch das Problem mit dem Viehdiebstahl vergessen", sagt Elisabeth Mayik Lual, die Moderatorin vom Lokalradio, eine Dinka mit dem durchaus üblichen Gardemaß von 1,85 Meter. Rinder sind heilig im Südsudan, mit Rindern wird die Mitgift für die Frauen bezahlt, genauer gesagt: für die Mädchen, die oft schon als Kleinkinder vergeben sind und nicht selten mit dreizehn, vierzehn verheiratet werden. Manchmal an Männer, die ihre Großväter sein könnten. Je mehr Männer im heiratsfähigen Alter, desto größer der Bedarf an Rindern. Je höher der Brautpreis, desto größer die Quote an Viehdiebstählen mit potenziell tödlicher Vergeltung. Mädchen werden bei den Dinka manchmal für 100 Rinder und mehr gehandelt.

Elisabeth brachte ihrer Familie 36 Rinder ein für die Ehe mit einem Offizier. Lesen und Schreiben lernte sie erst als verheiratete Frau und Kriegsflüchtling in Khartoum. Auch das ist eine der Paradoxien dieses Krieges: Er trieb Hunderttausende aus dem christianisierten, aber archaischen Süden in eine unter Scharia stehende, aber moderne Großstadt, in der viele erstmals Zugang zu Bildung bekamen.

Inzwischen ist Elisabeth Mayik "ungefähr 46 Jahre alt", hat sechs Kinder großgezogen und gehört zu einem Netzwerk von Südsudanesinnen verschiedener Stämme und Ethnien, die zum Handy greifen, wenn die Jungmänner ihres jeweiligen Stammes schon die Kalaschnikow in der Hand haben. Gestohlene Rinder? Kann man finden und zurückgeben. Streit um Fischgründe? Lassen sich vielleicht mithilfe traditioneller Chiefs lösen. Vor zwei Wochen hat sie zwischen zwei verfeindeten Gemeinden, die sich schon im Krieg gegenüberstanden, einen "Friedensvertrag" mit ausgehandelt. Das Dokument umfasst fünf Seiten und liest sich wie eine Mischung aus UN-Resolution und israelisch-palästinensischer Roadmap.

An der Grenze zwischen den gegnerischen Parteien ist eine Polizeistation einzurichten, wofür allerdings erst eine Straße gebaut werden muss; innerhalb der nächsten Monate sind zusätzliche Wasserlöcher für Rinderherden zu bohren; beide Seiten sollen Komitees zur Landvergabe einrichten; gefährlicher Funkenflug bei Brandrodung wird in Zukunft mit der Konfiszierung von bis zu vier Rindern bestraft. Gut sechs Monate dauerten die Verhandlungen. Geschult von ausländischen NGOs, boten Elisabeth Mayik Lual und ihre Mitstreiterinnen alles auf, was westliche Mediationskunst und linke Friedenspädagogik zu bieten haben: partizipative Rollenspiele mit Stammeschefs, Konfliktbewältigung mit männlichen Jugendlichen, seelische Stärkung für Mädchen und Frauen, Geschlechterrollen-Training für alle. Am Ende besiegelten die Streitparteien die neue Ära mit der Schlachtung eines weißen Bullen, über dessen blutenden Kadaver jeder Chief springen musste. Um die 700 Kalaschnikows, sagt Elisabeth, habe man bei der Gelegenheit auch noch eingesammelt. Jetzt fehlt nur noch der Staat, der die Straße und die Polizeistation baut.

Aber vielleicht ist das ja doch der Beginn der Entente zwischen Dinka und Shilluk?

"Es ging hier nicht um Dinka und Shilluk", sagt sie. "Das ist noch eine Nummer zu groß. Darum kümmern wir uns später. Hier standen Dinka gegen Dinka."

Der Historiker sagt: »Sehen Sie, Obama ist einer von unseren Jungs!«

Am Abend nach dieser Lektion in südsudanesischer Friedensarbeit ruft ein aufgekratzter Herr Watta an. "Gute Nachrichten, madam...!"

Der König wartet?

"Nein, madam, einer unserer großen Männer möchte Sie sehen."

So groß ist Angelo Othow Nyikango nicht. Anders als die baumlangen Dinka und Nuer haben Männer und Frauen der Shilluk eher mitteleuropäische Körpermaße. Othow, 76 und sehr rüstig, ist der Haus-und-Hof-Archivar der Shilluk, ein ehemaliger Ingenieur, der sich jetzt der Geschichtsschreibung seines Volkes widmet.

"Sagen Sie nicht ›Shilluk‹. Diesen Namen haben uns die arabischen Sklavenhändler gegeben. Wir sind das Volk der Chollo aus der Ethnie der Luo, heraufgewandert aus dem Süden Mitte des 16. Jahrhunderts." Weil das etwas verwirrend klingt, baut Othow eine Brücke. "Der Vater von Barack Obama war ein Luo aus Kenia. Sehen Sie, so einfach ist das: Obama ist einer unserer Jungens!"

Und was sollte man noch wissen, bevor man dem König gegenübertritt?

Dass das Reich der Chollo rund 700.000 Bewohner umfasst, unterteilt in Norden und Süden, und rund hundert Clans. Dass die Chollo an den Kontakt zu den Geistern der Verstorbenen glauben und an ein höheres Wesen namens Jwok Ayimo, das im Himmel wohnt, wo das Böse nicht hinreicht. Jwok Ayimo und die christliche Dreifaltigkeit kommen ganz gut miteinander aus. Die meisten Chollo sind getauft. Der König ist gleichzeitig spirituelles Oberhaupt und residiert normalerweise mit seinen Frauen flussabwärts in Pachodo – in sicherer Entfernung zum polyglotten, urbanen Malakal.

Frauen? Wie viele?

"Viele", sagt Othow. "So um die 40."

Nach dieser Einführung fühlt man sich bestens vorbereitet für die Audienz bei Seiner Majestät. "Ich versuche mein Bestes", sagt Herr Watta. "Der König hat über Ihre Anfrage noch nicht entschieden."

Zwischen Jwok Ayimo und Jesus drängt sich nun der Muezzin. Die große Moschee von Malakal befindet sich gleich am Markt.

Der Markt von Malakal hat bessere Zeiten gesehen. Weil Khartoum die Grenzübergänge zu Wasser und zu Land blockiert, sind die Waren knapp geworden, hat sich der Preis für Diesel, Zucker, Hirse vervielfacht, viele Bäckereien haben geschlossen, weil das Mehl ausgegangen ist.

Und trotzdem kann man erahnen, was Malakal auch ist: ein Scharnier zwischen Norden und Süden, ein Ort, an dem der Handel floriert. Arabisch ist die Lingua franca, vermischt mit Dinka, Nuer, Shilluk, dem Amharisch äthiopischer Lebensmittelhändler und dem Somali von Lkw-Fahrern, die mit ihrem Diesel im Tank überall dorthin fahren, wo der Treibstoff gebraucht wird. In die Kakofonie mischen sich Autohupen und die neue südsudanesische Nationalhymne, die einem aus jeder Lautsprecherbox entgegenplärrt. Über allem der Geruch von Tee, Kardamom, Abgasen, vergorenem Müll und frischer Anstrichfarbe. Die verkauft Abdur Zaroug Abdel Aziz, Händler aus dem Norden und der König der Baumarktbranche von Malakal. "Ich besorge Ihnen alles. Brauchen Sie eine Wasserpumpe? Habe ich in zwei Tagen hier."

Aber die Grenze ist doch zu?

Eine der wichtigsten Regeln: Wenn geschossen wird, ab unters Bett!

"Kein Problem, irgendetwas geht immer."

Abdur Zaroug stammt aus Kosti im Norden, von seinen 63 Lebensjahren hat er über 40 im Südsudan verbracht. Noch vor dem Referendum im Januar haben viele andere arabische Händler ihre Läden in Malakal dichtgemacht und sind zurück in den Norden gezogen.

Abdur Zaroug bleibt, er ist die ganzen Kriegsjahre geblieben, hat seine Lager immer vor Plünderungen retten können. "Sich mit allen gut stellen", heißt seine wichtigste Maxime. Die zweitwichtigste: "Wenn geschossen wird, ab unters Bett." Die dritte: "Die Kunden honorieren es, wenn man in schlechten Zeit das Geschäft offen hält." Abdur Zaroug wieselt in Hausschuhen zwischen seinen verschiedenen Läden hin und her, feilscht hier auf Arabisch, ärgert einen äthiopischen Händler auf Englisch, hält ein Schwätzchen auf Dinka, "und in der Sprache der Nuer kann ich Ihnen sogar was vorsingen".

Schüler in Malakal © Andrea Böhm

Nach der Unabhängigkeit wird er sich überlegen müssen, welche Staatsbürgerschaft er annehmen will. Abdur Zaroug wartet jetzt auf die guten Zeiten, darauf, dass sich die politische Lage beruhigt, die Waren aus Äthiopien über den Sobat, den Zufluss zum Weißen Nil, hereinströmen, dass die Grenze zum Norden wieder geöffnet wird, dass Malakal dann zum idealen Standort in diesem Dreieck wird.

Aus der Audienz ist am Ende dann doch nichts geworden. Er sei "very, very sorry", sagte Herr Watta, aber Seine Majestät hege den Argwohn, dass Journalisten am Ende nie das schrieben, was man ihnen sage. Im Übrigen müsse sich Seine Majestät nun voll auf die bevorstehende Unabhängigkeitsfeier konzentrieren. Der König wird nach Juba reisen und an der Parade vor den versammelten Staatsgästen, vor UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und dem Präsidenten der Republik Südsudan, Salva Kiir Mayardit, teilnehmen. Natürlich nicht allein, sondern mit einer stattlichen Abordnung seiner treuesten (und im Übrigen sehr modern bewaffneten) Shilluk-Krieger. Das darf man als Zeichen der Ehrerbietung des Monarchen vor dem neuen Staatsoberhaupt interpretieren. Und als kleine, aber deutliche Demonstration von "Shilluk-Power".