Ist das jetzt Patriotismus? Es fühlt sich so an. Zum trompetenhellen Blitzen einer Haydn-Sinfonie fahre ich durch die bayerische Oberpfalz, und hinter jeder Kurve möchte ich lauter jubeln. Über die Hügel im prangenden Grün, die Wälder, das Fachwerk. Doch irgendwann beginnen Windräder die Höhenzüge zu beherrschen. Und ich merke, dass Heimatgefühle und die Minarette der Energiewende nicht zusammenpassen.

Dabei ist das erst der Anfang. Bayern hat angekündigt, seinen Windstromanteil zu verzehnfachen – mit mahlendem Gestänge, das den Regensburger Dom locker überragt. Klar, Kernkraft ist indiskutabel. Aber kann mir Haydn noch die Brust weiten in einem Land, das aussieht wie ein Nadelkissen?

Vielleicht ist es ja mit den Windrädern wie mit vielen anderen Dingen: Erst aus der Nähe lernt man, sie zu schätzen. Darum geht es heute auf einem Feld in der Oberpfalz. Ich will dort ein Windrad besteigen. Im Innern seines Halses bis zum Rotor klettern und mich mit ihm versöhnen. Möglich machen das die Sport-Piraten, ein Münchner Veranstalter, der seit Kurzem im Landkreis Neumarkt Windradbesteigungen für Touristen anbietet. Ich bin einer ihrer ersten Kunden.

In gleißend weißer Lackhaut ragt der Koloss aus einer Waldlichtung. Auch wenn die neueste Windradgeneration doppelt so hoch ist, wirken seine 87 Meter monströs genug. Einer der Sport-Piraten ist schon da. David, ein drahtiger Bursche mit Weltenbummlerbart. Er zwängt mich in einen Hosengurt und betont, dass es hier um mehr gehe als nur um den Kick.

Was er damit meint, wird schnell offenbar: Seine Agentur baut dem Windkraftgewerbe eine Bühne. Die Hauptrolle bei jeder Kletterpartie spielt ein Abgesandter der Betreiberfirma, der die Segnungen seiner Branche erklärt. Heute ist es sogar der Chef persönlich: Ludwig Fürst. Altmodische Brille, zerzauste Frisur – der 62-Jährige wirkt wie der Inbegriff des Homo faber. Angespannt blickt er in den Himmel. Der hat mittlerweile sein gemütliches Weiß-Blau abgelegt und wird von düsteren Wolkenfetzen durchwirbelt.

Als wir den Turm betreten, bricht das Gewitter los. Sofort heult es durch die Röhre, als seien Dämonen in sie gefahren. Eine Digitalanzeige rast zu immer neuen Ziffern. "Volllast! Mehr geht nicht!", ruft Herr Fürst, als sie bei 600 Kilowatt angekommen ist. "Der Rotor dreht sich jetzt 300 Stundenkilometer schnell!" Der Herr über knapp zwei Dutzend Windräder strahlt. Ich aber habe nur Augen für die Sprossen, die über mir im dämmerigen Nadelöhr verschwinden. Der Turm hat unten einen Durchmesser von mehr als vier Metern. Oben sind es gerade eineinhalb.

Plötzlich reißt der Wind ab. Im Handumdrehen sinkt die Anzeige auf null. Es herrscht jetzt eine Stille, als habe jemand einen Stecker gezogen. "Kann losgehen", sagt einer der beiden Industriekletterer, die dazugekommen sind. Sie wurden bestellt, weil es Vorschrift ist. Und um im Notfall zu bergen. Ludwig Fürst scheint nicht viel davon zu halten. "Sie haben doch keine Herzprobleme?", vergewissert er sich. "Bei einem Infarkt da oben bekommen wir Sie nie rechtzeitig ins Krankenhaus." Ist das Oberpfälzer Humor? Nein. Herr Fürst meint es ernst.