Helmut Kohl ist das Idol seiner Kindheit. Vor fast 20 Jahren schon trat er in die CDU ein. Heute trägt der Kandidat Anzug und Schlips, er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Familie und Tradition sind ihm wichtig. Er ist ein gläubiger Mensch und betet jeden Freitag in der Moschee. "Die christlichen Werte ", erklärt ErtanTaskiran, "finde ich im Islam wieder. Werte wie Familie, Gerechtigkeit und Freiheit prägen unser Menschenbild." Der 41-Jährige geht als Kreuzberger Direktkandidat der CDU in den Berliner Wahlkampf ums Abgeordnetenhaus – am 18. September fällt die Entscheidung. Taskiran will "ein sauberes, sicheres und drogenfreies Kreuzberg – für alle".

"Eine Stadt für alle", fordern die Grünen. Ihr Kandidat trägt einen buschigen Zopf aus angegrauten Locken und einen Anti-Atomkraft-Button; er ist Doktor der Agrarwissenschaften. Turgut Altug kommt auf einem klapprigen Fahrrad angebraust und bestellt im Café Ahorn einen Latte macchiato. Der 46-jährige hat 2008 das erste türkisch-deutsche Umweltzentrum gegründet , und dafür wurde ihm im vergangenen Jahr von der Bundesregierung die Integrationsmedaille verliehen. Mit den Kreuzbergern pflanzt Turgut Altug im Park Obst- und Weihnachtsbäume.

Er weiß, was harte Arbeit heißt. Schon als kleiner Junge half er bei der Feldarbeit. Dank seiner Grundschullehrerin durfte er eine weiterführende Schule besuchen, nachmittags aber musste er mit anpacken, auf den Getreidefeldern seiner Eltern nahe Mersin in der Südtürkei. Sie waren Analphabeten und hatten wenig Geld. Der Sohn empfand früh die Ungerechtigkeit der Verhältnisse im Land; als Schüler schloss er sich einer Demokratiebewegung an. "Aber politisch aktiv sein, das kam nach dem Militärputsch gar nicht gut an", sagt Altug. Er blieb dann noch zum Studium, promovierte aber in Stuttgart. Jetzt lebt er mit seiner Tochter in Berlin und liebt die Freiheit, die er in der Türkei nicht finden konnte.

Was aber bringt alle Freiheit, wenn sie nicht gerecht verteilt ist? Diese Frage beschäftigt Muharrem Aras, seit er denken kann. Der gebürtige Hamburger tritt für die SPD an. Er trägt einen "Stolz auf Berlin"-Anstecker – und liebt seine alte Heimat. Dort war sein Vater Werftarbeiter und Gewerkschaftsmitglied, so wie viele "Gastarbeiter"-Väter seiner Kumpels. Aras hat studiert, Jura in Bremen, Berlin und Chicago. "Das ging nur, weil ich mich mit Bafög über Wasser halten konnte. Und dafür hatte die SPD gekämpft." Jetzt, mit 39, will Aras als SPD-Kandidat "etwas zurückgeben" und für die Rechte der Schwachen kämpfen. Er mischt sich gern unters Volk, und jetzt im Wahlkampf hat der Fußballfan natürlich Termine über Termine. Nur neulich, als sein erstes Kind geboren wurde, sagte er aus dem Kreißsaal heraus ein Treffen ab. Am nächsten Tag holte er es nach.

Figen Izgin trifft man nach Feierabend beim Plakatekleben. Die Direktkandidatin der Linken kam vor über 30 Jahren aus dem nordtürkischen Kars nach Berlin. Die 14-Jährige sprach kein Wort Deutsch. Sie biss sich durch: erst die Ausländerklasse, mit 18 der erweiterte Schulabschluss. Dann die Ausbildung zur Erzieherin, später das Studium der Sozialpädagogik. Nach ihrer Scheidung lebt sie nun mit ihren beiden erwachsenen Kindern in einer WG. 46 Jahre ist sie alt, schwarze Korkenzieherlocken schmücken die kleine, zierliche Frau, die selbst gedrehte Zigaretten raucht. Als Monteurin bei Siemens in Berlin war sie vom ersten Tag an Gewerkschaftsmitglied, später gründete sie den alternativen Integrationsverein Allmende. 2001 wurde sie Mitglied der PDS, weil es "die einzige Partei ist, die ernsthaft soziale Gerechtigkeit fordert". Die Grünen hätten sich doch selbst verraten, findet Figen Izgin, sie "versuchen sogar, unsere Gemeinschaftsschulen zu verhindern!". Bildung ist Izgin eine Herzensangelegenheit.

Aber Bildung sei in Kreuzberg oft ein Privileg. Bildungsfern gehe oft einher mit sozialer Schwäche, deshalb fordert Figen Izgin: "Eine Kindergrundsicherung muss her!" Der Berliner Sozialstrukturatlas liefert ihr Argumente: Jedes zweite Kind in Kreuzberg lebt von Hartz IV, rund um den Moritzplatz sind es bis zu 75 Prozent der Kinder.