Was Firmen in Vorstellungsgesprächen von sich behaupten , ist oft so weit von der Wahrheit entfernt, als wären Heiratsschwindler am Werk. Da bläst sich eine Provinzfirma vor dem Bewerber zum "Marktführer" auf, auch wenn dieser "Markt" an der letzten Haltestelle des Stadtbusses endet.

Da verkauft sich eine Schlafwagen-Firma als "innovativ und für alle Ideen der Mitarbeiter offen", auch wenn diese Ideen im Alltag vom Management wie Brotkrumen vom Tisch gewischt werden. Die offene Position wird als Himmelreich beschrieben, auch wenn mittlerweile drei Vorgänger an diesem Job verzweifelt sind und sich von ihren Burn-outs kurieren. Und derselbe Vorgesetzte, der dem Bewerber aus dem Mantel hilft und Kaffee nachschenkt, erinnert bei seinen Wutanfällen im Alltag auffällig an Rumpelstilzchen.

Für Vorstellungsgespräche gilt frei nach Peter F. Drucker, dem großen Management-Vordenker: Glauben Sie nicht alles, was Sie hören – das Wichtigste ist, was nicht gesagt wird!

Wenn Sie zum Beispiel am Ende des Gespräches fragen, welches die größten Schwierigkeiten in Ihrem neuen Job wären, dann ist eine ausweichende Antwort auch eine: Offenbar will man Ihnen die – womöglich explosive – Wahrheit verschweigen. Jeder neue Mitarbeiter wird als Problemlöser eingestellt. Wenn eine Firma leugnet, überhaupt Probleme zu haben, müssen diese beschämend groß sein.

Oder erkundigen Sie sich, was aus dem letzten Inhaber der Stelle geworden ist. Was fand er am schwierigsten an seinem Job? Fällt die Antwort der Firmenvertreter einsilbig aus, ist Gefahr in Verzug. Denn dieselbe Schlangengrube, in der Ihr Vorgänger festsaß – zum Beispiel überzogene Ansprüche eines Vorgesetzten – wartet nach Ihrer Einstellung auf Sie.

Weitere Signale, auf die Sie achten sollten: Wie behandelt der Chef die Sekretärin, die den Kaffee bringt? In welcher Tonlage sprechen Ihre Gesprächspartner miteinander? Und werden Sie bei Ihrem Gespräch wie ein Gast behandelt – oder eher wie ein Verdächtiger beim Verhör?

Was Sie zwischen den Zeilen lesen, ist meist wahrer als das polierte Verbal-Kleingeld der gesprochenen Worte. Gehen Sie jedem Verdacht, jedem unguten Gefühl durch eine gründliche Recherche nach , ehe Sie einen Arbeitsvertrag unterschreiben. Oft wird übersehen, dass sich in einem Vorstellungsgespräch nicht nur die Firma für oder gegen einen Bewerber entscheiden kann – sondern auch umgekehrt!