Jürgen Großmann könnte an diesem Morgen ein japanisches Atomkraftwerk kaufen, aber er schläft noch. Er könnte allen beweisen, dass er sich nicht beeindrucken lässt vom deutschen Atomausstieg, dass die Welt ihn weiterhin braucht, dass er das Spiel noch nicht verloren hat. Aber der Weckruf kam nicht. Es ist acht Uhr, und um acht ist er mit einem japanischen Geschäftsmann im Restaurant Yamazato zum Frühstück verabredet. Der Japaner weiß: Sollte es in Deutschland noch einen Menschen geben, der sich für Atommeiler interessiert, dann ist es Jürgen Großmann, der Chef des Energiekonzerns RWE . Es wird halb neun, es wird Viertel vor neun, der Japaner wartet, aber der Deutsche lässt sich nicht blicken. Will Großmann das Kernkraftwerk nicht mehr? Hat er es sich anders überlegt?

Endlich, mit einer Stunde Verspätung, schiebt sich ein 2,04 Meter großer Riese die Stufen der Treppe hinunter, die den Südflügel des Hotels Okura in Tokyo mit dem Hauptgebäude verbindet. Großmanns Gesicht ist gerötet, auf der Stirn sammeln sich Schweißperlen, er schnauft. Beim Gehen hält er sich am Treppengeländer fest. Er trägt eine graue Anzughose zum blauen Jackett, in der Eile hat er nichts Passenderes gefunden. Der Abend in der Hotelbar war lang, und die Angestellten an der Rezeption hatten versprochen, ihn rechtzeitig zu wecken. Sie haben es vermasselt. Jetzt steht der wichtigste Termin der dreitägigen Reise nach Japan an, ein Unterhändler mit einem Atomkraftwerk, und Jürgen Großmann muss sich hetzen, bloß weil ein paar Idioten am Hotelempfang die Uhr nicht lesen können. "Ich bin nicht gut", sagt er mürrisch, "verdammt, ich bin nicht gut!" Er sagt es mit dieser bedrohlich tiefen Stimme, die man immer schon von Weitem hört. Auf nichts kann er sich noch verlassen – nicht auf die Feiglinge in der deutschen Politik, nicht auf die Feiglinge in der deutschen Industrie, nicht einmal mehr auf die japanische Rezeption –, aber noch immer auf die Gewalt seiner Stimme, die über den Hotelflur donnert. Gäbe es irgendwo auf der Welt einen Grizzly, der sich in den Kopf gesetzt hätte, es zum Menschen zu bringen, dann sähe er aus wie Jürgen Großmann.

Die Karriere des Jürgen Großmann war eine fantastische Geschichte, eine Wette gegen die Wahrscheinlichkeit. Es war die Story vom Amerikanischen Traum in der bundesdeutschen Republik, ein Sieg der Selbstgewissheit über den kleinen Glauben. Die Geschichte des Unternehmers Großmann begann 1993 in dem Industriedorf Georgsmarienhütte in der Nähe von Osnabrück, wo er für zwei Mark ein sterbendes Stahlwerk kaufte. Er übernahm einen Berg Schulden, überwand die Krise, schuf aus dem Nichts ein Reich aus Fabriken, Großmanns Reich. Von den Arbeitern wird er bis heute vergöttert. Sie neiden ihm nicht einmal die Sammlung teurer Oldtimer, die er in der Fabrik unterstellte. Sie sehen in seinem Erfolg auch ihren.

Als er vor vier Jahren an die Spitze des komplizierten Großunternehmens RWE wechselte, begann eine neue Geschichte, wechselhaft und voller Widerstände. Großmann ist dort Vorstandschef. Es wird erwartet, dass er sich fügt. Die neue Geschichte handelt von einem Grizzly, der in die Manege musste. Aber auch über diese Geschichte schiebt sich schon wieder eine neue. Im März dieses Jahres ereignete sich im japanischen Kernkraftwerk in Fukushima der schlimmste Atomunfall seit Tschernobyl und versetzte Deutschland in Angst. Jürgen Großmann stemmte sich gegen einen schnellen Atomausstieg, er warnte vor einem Blackout, vor übertriebener Eile, Hysterie. Er drohte der Bundesregierung mit Klagen und zog vor Gericht. Die anderen Männer der deutschen Atomindustrie wurden kleiner und leiser, schließlich unhörbar, nur Jürgen Großmann behielt seine Stimme. Man kann darin die Standhaftigkeit eines prinzipienfesten Managers sehen. Aber auch den Starrsinn eines Verblendeten.

Wie seine Geschichte weitergehen wird, hängt auch von dieser Geschäftsreise ab, die ihn jetzt, Ende Juni, in das Land der Atomkatastrophe führt. Ein langjähriger Freund in Deutschland hat über ihn gesagt: "Jürgen ist inzwischen der meistgehasste Mensch." – "Jürgen", hat ihm ein anderer Freund gesagt, "ich kann dir nicht mehr helfen." – "Jürgen muss auf sich aufpassen", hat sein Bruder über ihn gesagt, "er hat einen bestialischen Job."

Der RWE-Chef möchte den Japanern ein Atomkraftwerk abkaufen

Großmann ist 59 Jahre alt, seit 26 Jahren verheiratet, er hat zwei erwachsene Töchter, einen erwachsenen Sohn, sein Vermögen wird auf 1,4 Milliarden Euro geschätzt. Er lebt mit seiner Frau Dagmar Sikorski, die einen Musikverlag besitzt und finanziell unabhängig ist, in einem Haus in Hamburg. Es gibt eine Wohnung in Mülheim an der Ruhr, ein Haus am Tegernsee, eines in Frankreich, eines in London, ein Hotel in der Schweiz. Großmann besitzt ein Weingut in Australien, ein Zwei-Sterne-Restaurant in Osnabrück, aber all das ist nicht mehr entscheidend. Denn Deutschland hat ihn über Nacht ins Museum gestellt. Das ist das Problem, das er mit sich herumschleppt. Bleibt die Frage: Soll er zum Frühstück noch ein Atomkraftwerk schlucken?

In England, wo RWE Geschäfte macht, könnte er das Kraftwerk aufstellen lassen, das ihm der Japaner hier anbietet, das wäre eine Idee. Aber als Großmann aus dem Restaurant kommt, sagt er: "Die wollen nicht ins Risiko gehen." Die britische Regierung, das hat der Japaner durchblicken lassen, müsse schon einen Teil des Risikos übernehmen, RWE einen weiteren. Mit Risiko ist die große Investition gemeint, das Risiko der Kernspaltung erwähnt Großmann nicht.

Schon länger hatte er vor, sich mit dem Japaner zu treffen. Vor ein paar Monaten hatte der Asiate mit Großmann einen Termin in Deutschland vereinbart, die Verabredung dann aber platzen lassen. Wegen Fukushima. Die japanische Regierung wollte Krisengespräche führen, der Firmenchef blieb deshalb in Tokyo, und Großmann ärgerte sich. Großmann konnte nicht begreifen, dass ihn jemand bloß wegen Fukushima versetzt hatte. Beim nächsten Treffen würde er den Japaner dafür strafen und ihn warten lassen, das war Großmanns Plan. Warten bedeutet, dass ein anderer über die eigene Zeit bestimmt. Warten heißt: sich unterordnen. Großmann hasst es, wenn ihn jemand warten lässt.

Nach der Bundestagswahl im September 2009 wollte Großmann den neuen Umweltminister Norbert Röttgen von der CDU kennenlernen, er fuhr nach Berlin. Damals schien noch alles offen, Röttgen und Großmann sprachen noch miteinander. Es hätte ein harmloses Treffen werden können, aber es wurde der Auftakt zu einer Serie von Konflikten. Der Minister hatte Großmann vor der Tür warten lassen, eine Viertelstunde. Für Großmann war es ein Signal.