DIE ZEIT: Herr Schertz, angenommen, ein Mandant ruft Sie an und sagt, meine Doktorarbeit wird gerade im Netz auf Plagiate durchgesehen. Was raten Sie ihm?

Christian Schertz: Das kommt auf den Fall an. Wenn ich Herrn zu Guttenberg vertreten hätte, wäre meine erste Frage gewesen: Unter uns, was ist hier los? Das ist wie in einem Strafverfahren. Da ist die erste Frage des Anwalts: Hast du die Tat begangen oder nicht? Davon hängt die Verteidigungsstrategie ab. Wenn der Mandant schwört, jedes Zitat korrekt gekennzeichnet zu haben, dann würde ich eine Vorwärtsverteidigung empfehlen und Medien, die solche Behauptungen dann zu Unrecht aufstellen, auf Unterlassung in Anspruch nehmen. Gegen die Aussagen im Netz kommt man ja schwer an, weil nicht offengelegt wird, wer die Aussagen trifft. Ist der Betroffene aber schuldig, würde ich dringend empfehlen, den Mund zu halten und nicht noch vollmundige Erklärungen abzugeben, die dann immer mehr relativiert werden müssen, wie im Fall Guttenberg.

ZEIT: Die Plagger argumentieren, sie müssten anonym arbeiten, weil sie sonst von teuren Großkanzleien kaputt geklagt würden. Ist das eine berechtigte Sorge?

Schertz: Ich verstehe schon die Angst, verklagt zu werden. Aber das ist eben Teil unserer Streitkultur, dass ich meinen Kopf hinhalte, wenn ich über einen anderen etwas behaupte. Jemanden eines massiven Fehlverhaltens zu bezichtigen und sich dann zu verstecken ist ein bisschen wie eine anonyme Anzeige. Die Möglichkeit der Klage hat ja den Sinn, ein Individuum vor unwahren Behauptungen zu schützen. Und wer eine Behauptung zu Recht aufstellt, müsste ja eigentlich keine Angst vor einer Klage haben. Ich finde Anonymität an dieser Stelle ein wenig unsportlich. Ich werbe dafür, mit der Ehre und dem Ansehen einer anderen Person sorgsam umzugehen.

ZEIT: Sie lehnen also Internetseiten wie GuttenPlag ab?

Schertz: Nein, GuttenPlag und VroniPlag haben zur Entlarvung der politischen Klasse und ihrer Selbstinszenierung beigetragen. Das hat eindeutig verdienstvolle Seiten. Die wollen die Wissenschaft frei halten von Karrieristen, die den Doktortitel nur brauchen, um als Politiker Eindruck zu machen.

ZEIT: Hat sich der Druck auf die Politiker durch das Netz verändert?

Schertz: Ja, ganz klar. Die Furcht vor Fotohandys ist riesig. Aufgrund der technischen Entwicklung lebt heute jeder Prominente, jeder Politiker unter der Dauerangst, dass jedes Fehlverhalten dokumentiert werden kann. Jeder hat heute eine Kamera dabei. Jeder kann jeden jederzeit überall fotografieren und es sofort weltweit veröffentlichen. Das führt zu einer potenziellen Dauerkontrolle des Individuums, 24 Stunden am Tag. Und gehen Sie mal davon aus, dass auch Politiker menschliche Abgründe oder einfach nur Gelüste haben. Wenn die mal eine, sagen wir: Tabledance-Bar besuchen, besteht sicherlich die berechtigte Sorge, dass man dort "abgeschossen" wird und die Bilder im Netz landen.

ZEIT: Und da bekommt man sie nicht mehr raus?

Schertz: Nur sehr schwer. Das Leben ist insgesamt ungemütlicher geworden. Deshalb muss man fragen: Wo stehen wir gerade mit dem Schutz des Individuums angesichts von Internet, Fotohandys, Google Street View, WikiLeaks, Facebook, Gesichtserkennung, Schülerhassseiten und so weiter.