Er hat nicht lange gefackelt, um der Londoner Gesellschaft eine Kostprobe seines guten Geschmacks und seiner Vertrautheit mit den Feinheiten vornehmer Lebensart zu geben: William Makepeace Thackeray, der am 18. Juli 1811 als Sohn eines Kolonialbeamten in Kalkutta geboren wurde, brachte seine stattliche Erbschaft in atemberaubend kurzer Zeit durch. Beim Glücksspiel natürlich, wie es sich seit jeher gehört für englische Stenze. Auch bei der einen oder anderen unglücklich verlaufenen Börsenspekulation, denn wenn man schon Derartiges zum Zeitvertreib macht, dann doch bitte nicht zum Geldverdienen. Außerdem jedoch – und ebenfalls unprofitabel – hatte der junge Müßiggänger eine beträchtliche Summe in Zeitungen gesteckt, in den National Standard zum Beispiel, und das hätte eigentlich ein bisschen misstrauisch machen müssen, obgleich man in England immer bereit ist, bei exzentrischen Hobbys ein Auge zuzudrücken.

Aber immerhin: Thackeray war gerade erst volljährig geworden und bereits gründlich ruiniert. Er hatte es also geschafft, schon in jungen Jahren ein ganzes Vermögen zu verschleudern. In der englischen Oberschicht, so die schriftstellernde Aristokratin Nancy Mitford, gehöre das zum guten Ton; alle Adeligen seien, wenigstens eigenen Angaben zufolge, hoffnungslos ruiniert. Das mag einerseits vielleicht nur eine hübsche – oder schlaue – Pose sein, führt aber andererseits auch zu unbedingter Eleganz, denn die traditionelle Unfähigkeit, mit Geld umzugehen, wie die grundsätzliche Ablehnung, durch Arbeit oder irgendwelche Geschäftemacherei Geld zu verdienen, sind dafür wesentliche Voraussetzungen.

Für Thackeray war jedoch das feine Leben der leisure class, kaum dass es begonnen hatte, auch schon wieder vorbei: Er musste nun wie ein Plebejer seinen Lebensunterhalt verdienen. Immerhin hat er dies nicht mit anrüchigem Handel versucht, sondern mit dem Schreiben: Der junge Stenz wurde also notgedrungen zum Feuilletonisten, zum Humoristen, zum Literaten, der am liebsten – und am amüsantesten, am genauesten – über englische Stenze und ihren eitlen, nutzlosen, aber höchst fashionablen Zeitvertreib schrieb. Über das feine Leben, seine Regeln und seine Akteure. Über den Gesellschaftsmenschen. Und über sein Zerrbild: den Snob, den Streber, den Geltungssüchtigen, den Aufsteiger und Blender. Den ungeniert Mobilen in einem eigentlich doch festen gesellschaftlichen Gefüge.

Das Gesellschaftsleben, das bis in seine allerfeinsten Verästelungen verfolgt und in seinen gar nicht mehr feinen Triebkräften offengelegt wird, in seiner Falschheit und Borniertheit, steht im Mittelpunkt von Thackerays großen Romanen. Von Barry Lyndon und vor allem Vanity Fair, der als großes, ebenso bissiges wie amüsantes Panorama der besseren Gesellschaft im viktorianischen Zeitalter ab 1848 in Fortsetzung erscheint und Thackeray schlagartig berühmt machen wird. Und in seinem Buch der Snobs, an dem er im gleichen Zeitraum, um die gleichen Phänomene kreisend, gearbeitet hat. Er hat hier, wenn man so will, seine Seziermesser geschärft für die monumentale Chirurgenarbeit im »Jahrmarkt der Eitelkeiten«.

Dieses geistreich-witzige Meisterwerk viktorianischer »Gesellschafts-Philologie« ist nun zum 200. Geburtstag des großen, bei uns schon immer weit unterschätzten Schriftstellers in neuer Übersetzung von Gisbert Haefs erschienen. Leider ist dabei nicht nur, trotz aller Brillanz im großen Ganzen und aller Liebe zum Detail, ein gelegentlich etwa altfränkischer Ton ins Spiel gekommen, sondern überdies auch irgendwie der Untertitel des Originals unter den Tisch gefallen, der diesen ungemein scharfen und genauen Beobachtungen unmissverständlich das Adelsprivileg verleiht. Der Titel des Werkes, das 1848 erschien, im handlichen Almanach-Format, mit grünem Einband – und zuvor 52 Wochen lang als Fortsetzungsreihe in der satirischen Zeitschrift The Punch veröffentlicht worden war –, lautet vollständig: The Book of Snobs, by One of Themselves.

Es handelt sich also nicht nur um einen »intimen Kenner der Szene«, der uns diese köstlichen Einblicke in die Welt des schönen Scheins und der haarfeinen Unterschiede, der Hochstapelei und Angeberei gewährt. Sondern vielmehr um einen, der nur deswegen so genau hingeschaut hat, weil er so dicht dran ist, weil er irgendwie auch dazugehört. Weil er, bei aller berechtigten, mitunter auch leidenschaftlichen Kritik und geradezu missionarischer Absicht, eine gewisse Schwäche für die Schwächen hat, über die er schreibt. Könnte es eine bessere Voraussetzung geben? Niemand kennt das Laster besser als derjenige, der ihm fast erliegt; derjenige dagegen, der ihm ganz verfällt, oder der, der gar nicht erst in Gefahr geraten könnte, hat letztendlich nicht die geringste Ahnung davon.

Und das ist das Entscheidende an Thackerays Snobbuch: seine vollständige Kenntnis des snobistischen Milieus. Er führt uns die literarischen, die politischen, die militärischen und die geistlichen Snobs vor, die Universitäts-, die City- und die Country-Snobs. Die irischen Snobs natürlich, als die hemmungslosesten und einfallslosesten von allen. »Ich kenne so viele Nachfahren irischer Könige«, schreibt er im betreffenden Kapitel, »dass man aus ihnen eine ganze Brigade aufstellen könnte.« Und selbst die »königlichen Snobs«, obwohl es solche nach gängigen Definitionen des Snobismus gar nicht geben dürfte, da es ja für einen Monarchen per se unmöglich ist, zu einer höheren, feineren Gesellschaft aufsteigen zu wollen als er sie selber bietet. Aber auch ein König mag nach anderen Meriten gieren. So wie George IV, über den Thackeray spottet, dass er überaus stolz gewesen sei, im »Schwung seiner Jugend« eine »neue Form der Schuhschnalle« erfunden zu haben. Denn darum kreist ja die ganze Existenz des Snobs, auch die des königlichen: ums Eindruckmachen. Etwas vorspiegeln zu wollen, was man zwar für erstrebenswert hält, aber de facto nicht besitzt.

Dem Snob geht es nicht etwa um die Macht, wie Franz Werfel einmal bemerkte, sondern er giert vor allem nach dem Märchenbild, nach dem Theater der Macht. Der Snob, wie ihn Thackeray versteht, strebt immerzu woandershin. Er genügt sich nicht selbst und verzehrt sich unentwegt nach Anerkennung. Er verachtet all diejenigen, die ihn nicht verachten. Er entpuppt sich also schließlich in jeder Hinsicht als das vollkommene Gegenbild zum Ideal des englischen Gentleman, wie es der Earl of Chesterfield in den 1774 veröffentlichten und dann rasch berühmten Briefen an seinen (illegitimen) Sohn formulierte, basierend auf den antiken Vorstellungen vom Edelmann, vom corteggiano der Renaissance und vom hônnette homme des grand siècle, vom »Wohlgeratenen«, wie ihn noch Nietzsche ersehnen und verherrlichen wird; basierend auf Natürlichkeit, Schlichtheit, Uneitelkeit des Betragens, auf Bescheidenheit, entspannter Weltläufigkeit und unaufdringlicher Höflichkeit.

Thackeray, der ohnehin eine große Liebe zum 18. Jahrhundert hegte, hat mit seinem ungemein populären, ja prägenden Snobbuch eine entscheidende Weichenstellung vollzogen, was meist übersehen und immer unterschätzt wird: In Gegenreaktion auf die florierende Arroganz und Blasiertheit der Regency-Epoche, und indem er den typischen, damals allgegenwärtigen Snob mit all seinen Ambitionen demaskiert und der Lächerlichkeit preisgibt, propagiert er unwiderstehlich jenes Idealbild des englischen Gentleman, das sich davon absetzt – und bald schon das dominierende Leitbild guten gesellschaftlichen Betragens wird in der ewigen Epoche Queen Victorias. Ein König könne jemand zum Edelmann machen, aber nicht zum Gentleman, hat Edmund Burke einmal geschrieben. William Makepeace Thackeray aber hat mit seinem Buch der Snobs zahllose Gentlemen geschaffen. Es wäre zu wünschen, dass ihm das auch noch heute gelingt, vielleicht ja sogar in Deutschland.