Der neue Pamela-Feminismus

Im Jahr 1740 erschien in London ein Roman, der unser Denken über Sex und Macht verändern sollte. Der Puritaner Samuel Richardson schrieb einen sagenhaften Bestseller: Pamela oder die belohnte Tugend. Bereits zu seinen Lebzeiten wurde dieser Roman als neues Evangelium gefeiert.

Das Bürgertum setzte seine Machtinteressen gegen den Adel bekanntlich im Mantel einer moralischen Revolution durch. Zu diesem Zweck wurde ein Feind erfunden, der adelige Verführer, der sich Rechte anmaßte, die vielleicht irgendwann in dunklen Zeiten, aber jedenfalls nicht mehr im 18. Jahrhundert Praxis waren: Das Jus primae Noctis, das Recht der ersten Nacht, ist das verschrienste dieser Privilegien. Verallgemeinert gesprochen, hält der adlige Verführer es für ein Recht, nach Lust und Laune mit niedriger geborenen Frauen zu verfahren.

Das zweite Feindbild dieser moralischen Revolution ist dabei seltsam unter die Räder gekommen: die adelige Frau. Denn letzten Endes ging es in der bürgerlichen Revolution auch um das Aufräumen mit einem Frauentypus, der sich nicht zur Ehefrau und Mutter reformieren ließ: dem der französischen adeligen Frau. Dem perversen, adeligen Lüstling, der mit allen Mitteln auf Sex aus ist, korrespondiert das Schreckbild einer nicht minder perversen Verführerin, welche die Männer nicht wirklich liebt, sondern nur ihrem Vergnügen dienstbar macht.

Dagegen steht nun das Bollwerk der bürgerlichen, unverführbaren Tugend auf. Für sie gehören in der neuen Rolle der Ehefrau und Mutter Sex und Ehe untrennbar zusammen. Der reformierte Ehemann ist das älteste ihrer Kinder. Adelige Weiblichkeit wird durch bürgerliche Mütterlichkeit aus dem Feld geschlagen, adelige Männlichkeit dagegen gründlich reformiert zum treuen Ehemann und sorgenden Vater.

Pamela ist ein armes, aber tugendhaftes Hausmädchen, das ihr lüsterner, moralisch verkommener Herr mit allen Mitteln der Kunst ins Bett bekommen will. Richardson brauchte viele Hundert Seiten, um die Tugendhaftigkeit seiner Pamela gegen alle Anfechtungen so ins Bild zu setzen, dass sie über jeden Zweifel erhaben blieb. Dabei wurde ihr Körper unablässig von den prüfenden Augen der Leser auf Zeichen der Lust hin getestet und gerade in seiner sinnlichen Unberührbarkeit hypersexualisiert. Am Ende triumphiert die bürgerliche Tugend über den adeligen Perversen: Der Herr selbst bekehrt sich und heiratet statt standesgemäß eine Adelige, welche im Roman allesamt sittlich anrüchig und von französischer Galanterie infiziert sind, das tugendhafte, bürgerliche Dienstmädchen. Tugend führt zu spektakulärem gesellschaftlichen Aufstieg, und die Institution Ehe wird zum einzigen legitimen Ort von Sexualität. Durch die bürgerliche Tugend wird der adelige Mann von seiner perversen Lust geheilt und vor den adeligen, lustgetriebenen Frauen geschützt.

Heute, fast dreihundert Jahre später, scheinen wir an ebendiesen Punkt zurückgeworfen. Was wirklich zwischen Strauss-Kahn und dem Zimmermädchen passiert ist, werden wir wahrscheinlich nie erfahren. Gesteuert wird das öffentliche Interesse für diese Geschichte aber von ebendiesem bürgerlich-reformierten ideologischen Szenario. Wir haben einen "perversen", von seiner Geilheit blind getriebenen Lüstling – einen der reichsten und mächtigsten Männer der Welt –, und wir haben ein armes, eingewandertes Zimmermädchen, das zuerst als tugendhafte, zum Wohle ihrer Tochter schwer arbeitende alleinerziehende Mutter dargestellt wurde. Jetzt aber scheint sie den Tugendtest nicht bestanden zu haben und ist dabei, in der Presse umstandslos zur Hure zu mutieren.

 Wieso schreiben wir nur den Männern Lust zu?

Nicht nur die bürgerliche Öffentlichkeit, sondern große Teile des Feminismus, den man nicht anders als Pamela-Feminismus bezeichnen kann, halten an der – durch irgendwelche Darwinismen neu aufgepeppten – Vorstellung triebgesteuerter Lüstlinge fest, die ihre Macht dazu missbrauchen, Frauen, die sonst nichts von ihnen wissen wollten, an die Wäsche zu gehen. Und das erklärte Hauptziel des Pamela-Feminismus besteht nun darin, Frauen vor solchen Übergriffen zu schützen.

In Amerika und in Deutschland – Länder, in denen das gründlich reformierte Bürgertum gesiegt hat – ist die Ehe zwar keine Institution mehr, dafür aber in der seriellen Monogamie der einzige legitime Ort für Sex geworden. Frauen kommen in öffentlichen Diskursen entweder als Opfer männlicher Übergriffe vor, als die Sitzengelassenen, wenn es nicht zur Ehe gekommen ist, als betrogene Ehefrauen oder aber als Huren. Der pseudoreligiöse Charakter der Ehe tritt in Amerika besonders deutlich zutage, wenn betrügende Ehemänner nach der Beichte öffentlich Besserung geloben.

Nach über zweihundert Jahren Feminismus muss man sich verzweifelt fragen: Was ist mit der weiblichen Lust? Wieso schreiben wir nur den Männern – und das neuerdings pseudowissenschaftlich untermauert – Lust zu? Weshalb hängen wir an der verfolgten Unschuld? Und weshalb sind ausgerechnet große Teile der Feministinnen zu den überzeugendsten Vertretern dieser letzten Endes patriarchalischen Institution, der bürgerlichen Ehe, geworden? Wieso ist der Raum des Eros bei Männern auf den Trieb, bei Frauen auf bloßes Vorteilsstreben – Sex für Geld, Sex für sozialen Aufstieg – reduziert worden?

Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, sich die große Verliererin der bürgerlichen Reform, die französische Adelige, in ihrer diffamierten Weiblichkeit näher anzusehen. Vielleicht sollte man auch an den antiken Seher Tiresias erinnern, der in seinem Leben das seltene Schicksal hatte, sowohl Mann als auch Frau gewesen zu sein. Von Zeus befragt, wer bei der Lust mehr Lust habe, sprach Tiresias neun Zehntel den Frauen zu. Die Männer mussten sich mit einem lächerlichen Zehntel begnügen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio